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KC-Blätter · 1911-10-01 · Heft 1 (1.10.1911) · p. Seite 13

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Journal
KC-Blätter
Volume
1911-1912
Issue
Heft 1 (1.10.1911)
Date
1911-10-01
Page
Seite 13 (sequence 13)
Language
German
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13 Aber sie fand nicht das Wort der Mißbilligung gegen die Agitation, das die Interpellanten von ihr erwartet hatten. Ueberhaupt vertiefen die Verhandlungen vom 20. und 22. November 1880 ausfallend günstig für die antisemitische Sache. Nicht nur, daß die Konservativen sich dafür ins Zeug legten. Auch das Zentrum, das durch die kulturkämpferische Haltung der sog. Judenblätter stark verbittert war, hieb mit in die antisemitische Kerbe. Als Bismark, dem alle Mittel recht waren, die seinen Zwecken dienten, die Stärke der antisemitischen Volksströmung sah, versuchte er, sie in den Dienst der Regierungspolitik zu stellen. Ihm kam eS damals darauf an, die Macht des Liberalismus zu brechen, um seine Schutzzollpolitik ungehindert durchführen zu können. Vor allem wollte er Berlin, das damals noch nicht soziademokratrsch, sondern der Hort des Freisinns war. erstürmen. Als Sturmbock schien ihm der Antisemitismus ein ebenso erlaubles Mittel, ivie er einst einen Augenblick gehofft hatte, mit der Lassalleschen Arbeiterbewegung die fortschrittliche Mehrheit zu brechen. Der Minister v. Puttkamer mußte die Berliner Stadtverordnetenversamnllung auflösen, um den antisenlitischen Elementen die Möglichkeit der Eroberung des „roten Hauses" zu geben. Alle Beamten wußten, daß die Negierung antisemitische Stimmabgabe wünsche. Riesige Geldmittel flössen der „Berl i ner B ew egttng". wie man die Gesamtheit der antisemitischen, christlich-sozialen und konservativen Organisationen Berlins nannte, mit ein m Male zu. Patriotische Anlässe wie das Sedansest wurden dazu benutzt, um Volksfeste im größte, i Maß st ab mit Freibier und Freikonzert zu arrangieren, ohne daß man recht wußte, woher das Geld dazu stamme. Offiziell galt als der Spender eilt großer konservativer Kaufmann, Rudolf Hertzog. Aber die Spatzen pfiffen von den Dächern das Wort „Reptikienfonds". Nie stand der Antisemitismus so hoch im Kurse wie 1881. Aber die große Niederlage bei der Reichstagswahl führte zu einer Baisse, von der er sich nie wieder gaitz erholt hat. Wenigstens in Berlin nicht. Kein Mandat zum Reichstag, und nur ein kleiner Teilerfolg bei den Stadtverordnetenwahlen, das war inehr, als eine Bewegung ohne innere Berechtigung zu ertragen vermochte. Ztun zweiten Male in seinem Leben kam Bismarck in die Lage, zu denken : Was kannst du armer Teufel geben? Er wandte sich von nun an nicht etwa gegen die „Berliner Bewegung", wettigsteus so bald noch nicht. Aber sie interessierte ihn nicht mehr. Er hatte von ihr Reichstagsmandate, einen Umsturz der Berliner freisinnigen Kommunalherrschaft erhofft Bloße Volksversammlungstr umphe und Achtungserfolge bei den Wahlen imponierten ihm nicht. Er brauchte Reelleres. Das schien der Antisemitismus nicht lösten zu können. Darum entzog ihm der allmächtige Staatsmann seine Huld. Die Bewegung flaute rapide ab. Zwar die ehrlich Begeisterten blieben ihr treu. Aber der gerade in ihr sehr stark vertretene Prozentsatz der Erfolgsanbeter. Streber oder sostigen Mitläufer verlief sich bald. Allerdings brachten die Reichstagswählen von 1884 einen Sieg — Stöckers frühere Wahl zum Reichstag und Landtag in Westfalen war kein antisemitischer, sondern ein konservativer Sieg, wie er denn auch als Mitglied der koufervativen Fraktionen in den Parlamenten sigurierte—. Der erste rein antisemitische Sieg war der des Baumeisters Hartwig in Dresden. Aber er blieb ohne jede Bedeutung. Her, Hartwig spielte im Reichstag überhaupt keine Rolle, verschwand denn auch raschest wieder aus der Politik, um als Kön g der Hausagrarier wieder aufzuleben. Die wirtschaftlichen Verhältnisse besserten sich. Zu den äußeren Gründen des Niedergangs der antisemitischen Bewegung kamen innere. Um das Jahr 1885 herum schien sie dem Erlöschen nahe. Doch sie sollte ihren Johannistrieb erleben. Zn der Zeit, als eine antisemitische Zeitung nach der anderen eingegangen wur, als ein antisemitischer Verein nach dem andern eingeschlafen war. als ein antisemitischer Führer nach dem anderen ausgewandert, ins Privatleben zurückgetauchr oder sonst ein stiller Mann geworden war, begann ein ungewöhnlich geschickter Journalist den planmäßigen Wiederaufbau des zerfallenden Gebäudes. T h eod or Fritsch war es. der in Leipzig ein neues Zentrum des Antisemitismus schuf. Er gründete eine Wochenschrift, die antisemitische Korrespondenz — jetzt: Deutschsoziale Blätter., die sich durch ihre geschickte Leitung — ue war groß in der Sammlung antisemitischen Materials — rasch zu einem geistigen Mittelpunkte aller antisemitischen Strebungen entwickelte. Er versandte kleine Flugschriften, „Brennende Fragen" genannt, in zahllosen Exemplaren systelnatisch au die politisch und geistig einflußreichen Männer, deren Bekehrung zum Antisemilismus er für möglich hielt. Durch die Herausgabe eines gut reu verenden Fachblattes, einer Müllerzeitung, war er pekuniär so gestellt, daß er seine ganze Parteuäligkeit unentgeltlich leisten konnte. Sehr fleißig, sehr fanatisch, ehrlich überzeugter Mittelstandsmann schuf er durch die regelmäßige, politisch brillant zugespitzte Materialienlieserung m allen Teilen Deutschlands eine antisemitische Gemeinde, die. rucht sehr zahlreich, doch dadurch einen gewissen EinsUuß hatte, daß sie sich aus sozial herrschenden Schichten rekrutierte. Frilschs schriftstellerische Ai beit hinterdenKulissen wurde sehr zweckmäßig ergänzt durch seinen unzertrennlichen Kampfgenossen Liebermann v. Sonnen der g. Herr v. Liebermann, einst ein flotter Kavallerieofsizier, dem nur leider die notigen

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