KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1911-1912
- Issue
- Heft 1 (1.10.1911)
- Date
- 1911-10-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2268830-2268846-2268848--0262-2269462- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
12 daß nichts das antisemitische Feuer so anzufachen geeignet war wie gewisse Taktlosigkeit-!! und Geschmacklosigkeiten in religiöser Beziehung, die sich gerade damals eine liberale Presse leistete, die man wegen ihrer persönlichen Beziehungen unschwer als „Judenpresse" charakterisieren konnte. Es war deshalb auch durchaus nicht verwunderlich, daß Stöcker 1879 mit seiner ersten großen antijüdischen Rede einen geradezu beispiellosen Erfolg hatte. Mit einem Schlage war er einer der bekanntesten Männer Deutschlands geworden. Die Mahnung, die er an das Judentum richtete: „Etwas mehr B e s ch e i d e n h e i t!", fand ein Echo ohne gleichen. Noch war ihm der Antisemitismus nur Beiwerk. Aber als einerseits der hallende Erfolg seiner ersten anlisemtilcheu Aeußerungeu naturgemäß zu neuen Angrisfelt schärsster Art in der liberalen Presse führte, und als er andererseits als kluger Mann sah. wie der Antisemitismus geeignet schien, seinen Bestrebungen eine Popularität zu verschaffen, die seinen ernsthaften Unternehmungen größtenteils versagt geblieben war, da trat die Judenfrage in seiner Agitation immer mehr in den Vordergrund. Alls der Peripherie rückte sie in das Zentrum. Sein glänzendes rednerisches Talent — er ist einer der besten Volksredner, den Deutschland hervorgebracht hat — reißt die Massen hin. Freilich nicht die Massen der Arbeiter. Bei denen hat der ..Sozialismus der Dummen", wie man ja den AutisenlitiSmns genannt hat. nie gezogen. Sie waren durch die Sozialdernokratie dagegen gefeit worden. Aber die Scharen des Kleinbürgertums glaubten bei hm das erlösende Wort gefunden zu haben. Sie litten noch unter der Depression, die jahrelang nach deln großen Krach anhielt. Sie sahen in der liberalen Gesetzgebung. die die Entwickelung zunl Großbetrieb begünstigte, den Ruin ihrer Existenz. Der Jude lvurde für sie zum Symbol ihres wirtschaftlichen Niederganges. In der Furcht, zwischen der sozialdemokratrschenArbeiter beweguug auf der einen Seite und dem Großkapitalismus auf der anderen zemalmt zu werden, erschien ihnen der Strohhalm des Antisemitismus als Rettung«Planke. Antisemitismus und Mittelstands beweguug wurden fast identisch. Der Antisemitismus hatte die Jnteressenschicht gesunden, die ihru eine gewisse Lebensdauer verbürgt Ungefähr gleichzeitig mit der Popularisierung des Autisemilisulus durch die Stöckersche Agitation entstand einAutisemltismus der Gebildeten Professor v. T r e i t s ch k e. bei d. r akademischen Jugend damals der beliebteste Hochschullehrer, prägte in seiner mehr plastischen als kritischen Ausdrucksweise das Wort: „Die Juden sind unser Unglück." Der Antisemitismus durch Treitschke sanktioniert! Wie ein elektrischer Schlag durchzuckte es die Studenten, die in Treitschke die Verkörperung des höchsten Patriotismus und des entschiedensten Deutschtums erblickten. In den rapide um sich greifenden Vereinen deutscher Studenten fand der akademische Antisemitismus seinen Kciftallisalkonspunkt. Die Burschenschaften, einst die Träger der deutschen Bewegung an den Universitäten, waren im engherzigsten Korporationslebeu erstarrt und zu einem Abklatsch der Korps geworden. An die alte Tradition der Burschenschaften knüpfte der V.D.St. neu an. Er sammelte alle die begeinerungsfähigen akademischen Bürger, deren Ideale über den Paukbodelt und den Komment hinausreichten. Wer politisch tätig sein, wer sein Bedürfnis nach Heldenverehrung befriedigen, wer sich an der von Bismarck eben inaugurierten Sozialpolitik erheben, wer dem Deutschtum dienen wollte, der fand in den Vereinen deutscher Studenten seine Heimstätte. Sie waren antisemitisch, weil man das Judentum für undeutsch — Rassentheorie! —, unpatriolisch — die Juden gehörten meist zur Opposition — und unsozial — sie galten als die Säulen des Manchestertums — hielt. Die Vereine deutscher Studenten haben einen weit größeren Einfluß auf die Antisemitisierung der gebildeten Schichten gehabt, als sich der Außenstehende träumen läßt. B:s auf den heutigen Tag behercschen sie manche Universitäten. Sie haben wenn nicht direkt den Gedanken des AntisemttlsmuS, so doch die praktische Potink des Antisemitismus in eine große Reihe anderer studentischer Korporationen verpflanzt. Viele, die durch ihre Schule hindurchgegangen sind, stehen heute — in aller Bescheidenheit darf ich neben Wolfgang Heine. Maurenbrecher und Naumann wohl auch mich nennen — in anderen Lagern, betrachten ihre antisemitische Vergangenheit nur als eine politische Kinderkrankheit. Aber das schließt doch nicht aus, daß wir einst mit all unserer Propagandakraft für den Antisemitismus geworben haben, der eine mehr aus nationalen, der andere mehr aus sozialen Motiven. Wo wir standen, standen wir ganz. Wir haben uns damals geirrt, schön, das geben wir alle zu. Aber immerhin scheint mir falsch angewandte Begeisterung noch nichl die schlechteste Jugenderinnerung. Wie stark der antisemitische Gedanke 1880 das deutsche Volk durchdrang, dafür erbrachte den ziffernmäßigen Beweis die sog. Antisemitenperition. Diese Petition forderte u. a. Verbot der jüdischen Eiitwanderung und 'Ausschluß der Juden von obrigkeitlichen Stellungen. Ein junger Berliner Gymnasiallehrer, vr. B e r n b ard F 5 r ster, setzte sie in Umlauf. Im Umsehen war sie mit 207 000 Unterschriften bedeckt. Die Erregung. die sie in der Oesfentlichkeit hervorrief, war so groß, daß sie zu einer Interpellation der Liberalen im preußischen Abgeordnetenhause führte. Zwar erklärte die Regierung, daß sie nicht daran denke, die staatsbürgerlichen Rechte der Juden anzutasten.