KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1910-1911
- Issue
- Heft 11 (1.8.1911)
- Date
- 1911-08-01
- Page
- Seite 172 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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172 gesellschaftlichen Antisemitismus verbinden. Sogar von Eugen Richter werden Aeußerungen kolportiert, die ihn in der Beziehung nicht als ganz taktfest erscheinen lassen. Aber von bcu Deutschen im allgemeinen und von mir im besonderen kann ich Dir versichern, das; unsere öffentliche und unsere private Stellungnahme sich in der Regel decken. Trotz der Vossischen Zeitung, die Dich so beunruhigt hat, kannst Du glauben: ich war Antisemit und bin es nicht mehr, weder amtlich noch außeramtlich. Wie das gekommen ist, ja. das lägt sich nicht in drei Worten sagen. Ich must wirklich etwas weiter anshvlen, um Dir klar zu machen, wie der deutsche Antisemitismus entstanden ist, und was er geleistet oder richtiger gesagt nicht geleistet hat. Es existiert ein kleines Büchlein, Antisewiten- Katechismus genannt. Darin steht auch ein chronologisches Verzeichnis der Schriften der Iudenfrage, das bis aufs Jahr 1476 zurückgeht. Daraus geht hervor, daß die in antisemitischer Beziehung unfruchtbarste Zeit Deutschlands die Mitte des vorigen Jahrhunderts war. Bon 1844 bis 1858 ist keine einzige antisenlitische Veröffentlichung angeführt. Dann erscheinen ganz vereinzelt Schriften. Von 1870 an werden sie häufiger, und 1880 beginnt eine Hochflut. Diese nüchterne Registratur ist das beste Spiegelbild der Antisemitischen Bewegung. Warmn gab es etwa von 187(> an eine von Jahr zu Jahr mehr anschmellende, allerdings nach nicht allzu langer Zeit wieder abebbende antisemitische Bewegung in Deutschland? Hier wie fast stets stößt man im (flruuöc auf wirtschaftliche Ursachen. Die Gründung erst des Norddeutschen Bundes, dann des Deutschen Reiches hatte einen riesenhaften wirtschaftlichen Aufschwung im Gefolge gehabt. Mit einen; Sprunge war Deutschland' in die kapitalistischgroßindustrielle Entwickelung hineingelangt. Die hemmenden Bande der alten Gesetzgebung waren gefallen: Freizügigkeit. Gewerbefreiheit, Aktienfteiheit, Goldwährung und ähnliche Dinge hatten in rapider Reihenfolge mit den; alten Stand der Dinge gründlichst aufgeräumt. Die liberale Gesetzgebung hatte alle Untiefen und Ecken aus dem Strom der wirtschaftlichen Entwickelung entfernt, freilich bei der Gelegenheit im Uebereiser der Arbeit auch einige Schulzdeiche eingerissen. Die kapitalistische Entwickelung hatte freie Bahn. Aber es wurde vielfach überkapitalisiert. Die Aktiengesellschaften schossen wie die Pilze ans der Erde. Biele dienten berechtigten- Zwecken, andere minder berechtigten. Es kam zu den; Gründnngsschwittdel der ersten siebziger Jahre. Der große Krach war die unausbleibliche Folge. Es folgten Jahre tiefer wirtschaftlicher Depression. Der Nährboden für den Antisenütisnuls war da. Wie jede andere rückschrittliche Bewegung braucht auch er schlechte Verhältnisse gedeihen zu können. Geht es vorwärts, gel;t er zuriick. Geht es rückwärts, schwillt er an. Man sucht nach einen; Sündenbock, man findet den Juden als das dafür geeignetste Objekt. Juden waren es ja gewesen, die sich um die liberlale Gesetzgebung besonders verdient genmcht hatten, Lask,-r und Bamberger, beide Zierden des Parlamentes, aber doch mit Eigenschaften ansgestattet, die ihnen reichliche Feindschaft eintrngen. Bambergers ätzender Sarkasmus hinterlies; all den voll, ihrn geschlagenen Gegnern dauernd schu;erzende Wunden, und Lasters katvnisches Celbstbewußtseiu wirkte verärgernd. Die Inden, mit einem besonders starken Prozentsatz au; Handelsstande beteiligt, kapitalkräftig, unternehntungslnstig. rührig, allem neue;; zugewaudt, stand m im Vordergrund der Gründungsepoche. Der typische Gründer war der geniale Henri Bethel Strausberg, vulgo Heinrich Barnch Strausberg. Gewiß, auch Germanen genug hatten sich au der Gründerei beteiligt, vom ehrsamen Handwerksmeister, der ruhig und mühelos reich werden wollte, bis zum Magnaten und Minister, der seinen Namen oder Titel in einem Dutzend Aufsichtsräten in klingende Münze umzusetzen ivnstte. Solange es gut ging, hatte niemand gefragt, ob Jude oder Christ der Macher war. Aber als es trachte, da entlud sich der Groll fast ausschließlich auf die Juden. Mag fein, das; sic in; großen und ganzen von den Scheingewinnen der Gründerzeit noch an; r.iciftcit zu realisieren verstanden hatten, weil sie. dank ihrer geschäftlichen Findigkeit, sich oft noch rrchtzeitig ans den faulen Unternehmungen herausznretteu gennlßt hatten. Der Hauptgrund aber, daß man ihnen alle Schuld beimaß. war doch der, daß cs gelang, den im Volke schlnmmernden Raffengegeilsat; wieder^ wachzurnfen. Bon der Empfindung des Raffengegensatzes bis zu der des Staffen Haffes ist oft nur ein Schritt. Inden die Urheber der Gesetzgebung, die die Gründerei ermöglichte. Inden die Hauptgründer. Stand dieses beides für das Volk fest, so warder Antisenritisnms da. Das; der Glaube an die überwiegende Schuld der Inden an dem großen Krach sich fcstsetztc, dazu hat em einfacher Journalist das mciftc beigetragen, Otto G lagan. Glagau hatte seine journalistische Laufbahn als Liberaler begonnen. Aa liberalen Zeitungen, z. B. an der „Rationalzeitung",;var er tätig gewesen. Dabei hatte er sich ein paar tausend Taler erworben. Die legte ei, verlockt durch die Reklmnenotizen der Presse, Aktien des Lindenbauvereins an. Der Lindenkauverein war ein furchtbarer Schwin-