KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1910-1911
- Issue
- Heft 11 (1.8.1911)
- Date
- 1911-08-01
- Page
- Seite 167 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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107 Berufsarbeit und den Anstrengungen der„Saison"? Die herrlichste Seite der Ferien, daß.Du keine Uhr uub keine Eile zu haben brauchst, also erhaben ab Raum und Zeit bist, geht Dir durch den Aufenthalt an diesen Erholungsorten der großen Welt verloren. Die unerbittliche Statistik hat uns leider gezeigt, daß Nervenkrankheiten bei den Juden in verhältnismäßig großer Zahl anftreten. Die Gründe sind leider nur zu bekannt, mtb trotzdein findest Du unbegreiflicher Weise in deu faShionabelsten Ahirortcu, die mit ihrer Fortsetzung des mondänen Treibens der Großstadt die Älerven nicht auSspannen lassen, Inden in großer Zahl. Ans, flieh' hinaus in's weite Land! Diesen Rat, den Faust sich selbst gibt, um durch die Unterweisung der Natur hinter die letzten metaphysischen Wahrheiten zu kommen, können wir un weiteren Siiine als Allheilmittel befolgen. Das „Land" hier anfgefaßt als Gegensatz zur Stadt, zum städtischen Hasten und Treiben, zur schlechten Luft, zum Lärm und last not least zu den städtischen Vergnügungen. Geh' in ein kleines Fischerdorf imb lausche der ewigen Rätselmelodie deS Meeres, klettere auf die Gipfel der Alpen, uub wenn Du ermüdet uub erfrischt zugleich heruntergestiegen bist, dann sehe dich in Pantoffeln zu Erbsensuppe und Eierkuchen nieder, zünde Dir nachher Deine Pfeife an uub spiele mit einem tüchtigen Gesellen Schach, oder lese ein gutes Buch. Daun konunst Du allmählich zur Sammlung, zu der so nötiger! Zwiesprache mit Dir selbst. Daun konuuen Dir Gedanken, für welche die ganze Alltagszeit hindurch Dein .Kopf keinen Raum hat, dann kommt Ruhe und Erholung über Dich und Freude an der wundervollen Welt. Und wenn es dann gar nicht anders geht, daun freunde Dich einem hübschen Mädel an, aber denke um GotteSwillen nicht an ihres Vaters Geldbeutel, mein Junge. Denn so etwas tust Du ja das ganze Jahr, und in den Ferien soll nicht nur Dein Leben, sondern auch Dein Denken von der Alltäglichkeit abweichen. Einfachheit mein Freund und Genügsamkeit! Zwei Zauberworte, welche Dir alle Schähe der Welt verschaffen. Mit welchem Vergnügen denke ich noch an die beiden D. E.er in höheren Semestern, mit denen ich auf der Dresdener Hütte im Stubaier Gletschergebiet nach anstrengendster Wanderung mit einen zwanzigstel Pfennig Skat gespielt habe! Beide hatten für ihre dreiwöchige Wanderung von Innsbruck zusannnen über eine Summe von rund 100 Alk. zu verfügen. Dagegen waren die Rucksäcke beladen mit mancher geräucherten Wurst, die so oft ein Mittagessen abgeben mußte, wozu in den Schankstüdten ein Schoppen Wein und Brot als angentcssene Ergänzung hinzukam. Fidelere Kerle konnte ich rnir gar nicht denken. Daß ich ihr (tte)ellschastsvermögen durch u ein glänzendes Spiel um 30 Pfg. geschmälert habe, ist eine der wenigen Sünden, die mir bisher Gewissensbisse verursacht haben. - Mit welchem Vergnügen denke ich zurück an die Tirr ler und Schiveizerrvanderung in (Gesellschaft eines lieben BuudeSbcuder und dessen gipfelbezwingender Gattin. Keine FuhrmaunSkneipe war ihr zu schäbig, kein Essen zu gering, dagegen war sie in kein elegantes Hotel hineinzubriugeu. Und konnte es sich doch sehr wohl leisten. Wegen dieser natürlichen Bescheidenheit hätte ich sie umarmen mögen, wenn ich nicht verheiratet und sie nicht die Frau eines Bnndesbruder gewesen wäre. Ich komme zum Schluß und hoffe, daß Dich me.ne etwas langatmigen, lehrhaften Ansg"'hruugeu nicht über Gebühr gelaugweilt haben. chließen möchte ich mit der Variation eines betauten Sprichworts: Sage mir, wo Du Deine Ferien verbringst ich will Dir sagen, wer Du bist. DaS wäre auch ein Stück.Vf. C.-Erziehuug. Mit bundes brüderlichem Gruß bin ich in aller Treue Dein Pascha. Der Z. C.er und die Politik. Bon Erich Böhm Spreviae) Breslau. Stärker denn feit Jahren tobt in Deutschland der politische Kampf. Obwohl uns noch Monate von den Wahlen zum Reichstage trennen, ist doch der Aufmarsch der Parteien fast vollendet. Kreise, die angewidert durch kleinlichen Parteihader fernstanden, wenden sich mit Eifer dem Kampfe zu. Still ist es nur in K. C.er Kreisen. Und doch ist die Politik für den K. C. eine Lebensfrage. Naturgernäß beschäftigt sich auch unser Tendeuzparagraph mit ihr. Er sagt, nur sollen zu solchen Juden erzogen werden, die später im politischen Leben ihren Mann stehen können. Wie daS bisher in der Praxis geübt wird, beantworte sich jeder selbst. Ich glaube die Antwort ist trotzdem bei allen die gleiche.*) *) (Tegcnnber bctt obigen Ausführungen muß hervorgehoben weiden, das; viele unserer alten Herren eine äugerst rege und intensive Tätigkeit im politischen Leben entsalteg. (jhuu. .d. Aed.)