KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1910-1911
- Issue
- Heft 11 (1.8.1911)
- Date
- 1911-08-01
- Page
- Seite 166 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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166 über die Ursachen der wachsenden Nervosität unserer Zeit Untersuchungen anstellte? Es ist — leider — schon lange her. Heute brauchen wir nach diesen llrsachen nicht mehr zu forscheil. Alle wir Menschen der Civilisation kennen sie. Dn kennst sie besonders, wenn Du abends müde mld abgearbeitet an Leib und Seele ans Deinenr Bureau kommst und sehnst Dich danach, in einen: verschlafenen Gebirgsnest der llnterste Stallknecht zu sein, daß Du nur llicht zu bcutou brauchst über den vor Dir liegenden Misthaufen hinüber. Wo Dll keine ratternden Stadtlind Hochbahnzüge hörst, keine Elektrische Dir Tag und Nacht sekündlich etwas klingelt, ulld kein Telefon Dich in ernster Arbeit stört; wo Du nichts hörst als das Blöcken des Viehs, das Murmeln des Baches lind vielleicht auch einmal das Donnern der Lawine. Ich wenigstens kann mich dieser Sehnsucht häufig nicht erwehren und wenn auch Du schon einmal von ihr gepackt wirst, dann zeigt Dir dieser imnumente Zug zur Natur gleichzeitig auch das Heilmittel Deiner Krankheit, die eigentlich keine Krankheit ist. sondern lediglich etwas Negatives, der Mangel des GesuudheitS- und Kraftbewustseins. Beileibe will ich nun nicht von Dir verlangen, das; Dn unter die Naturmenschen gehst, jede Aeußerung der Eivilisation voll Dir iveisest, barhäuptig lnld barfüßig mul)et*Iänfft, Dich von Brot Ulld Wasser und den Beeren des Waldes ernährst, die Haare wachsen läßt und Deine Fingernägel llicht polierst und in jedem gllt angezogenen Menschen Deinen Feind erblickst. Solche Geschmacklosigkeiten überlasse ruhig den Prinzipienreitern, die wir ja Gottlob beide llicht sind. Aber darum möchte ich Dich scholl bitten,* daß bei Beginn der Ferien Deine Gedanken nicht geradlinig zlnn aufzubügelnden Smoking laufen, von welchem ans sie' über voll besetzte Hotellische, Tafelmusik, ^pielsäle, einfach zllr Fortsetzung Deiner wülterlichen Bergniigungen gelangen. Mußt Dll denn gerade dort Deine Sommerruhe sucheil, wo sich derKurfürstendamm mit der Wiener Nillgstraße ein Stelldichein gibt? Wo Dich Herr Mener aus Köln imb Herr Müller ans Breslau an jeder Ecke frageil, wie es Dir gebt, obgleich sie dem rüstig ausschreitenden Wanderer das Wohlbefinden zehn Meter gegen den Wind au sehen? Sie werden Dir auch erzählen, das; das Wetter großartig ist, wobei sic Dich notwendig für einen großen Dninmkops halten müssen, wenn sie voraussetzen, daß Du diese Feststellung bei deiil strahlenden Sonnenschein nicht selbst treffen kannst. Daß sie jeden Gipfel wissell wollen, bcu Du „gemacht" hast, ist selbstverständlich, wenn Du ihnen persönlich auch im Grmlde höchst gleichgültig bist. Mllßt Dn dem: llvtwelldig in St. Moritz oder Nordernei) mit Deiner Tischdame von Beilchenfelds Hausball das Gespräch darüber sortsetzen, ob „der Nosenkavalier" Neuland der Musik bedeutet, oder ob die jnngfranzösischen Impressionisten Schöpfer von neuen Kulturwerten sind? Warte doch bis zllnl W toter. Auf einen der 86 Hansbälle. die Dn mitmachen mußt, ivirst Dn diese Dame doch wieder zu Tisch führen und mit ihr hierüber zu eine: Entscheidltng konunen und so Dein und ihr ästhetisches Gewissen beruhigen. Dll ulnchst Deiilc Gebirgstour oder Teille Ccgelbovtfahrt uild scjaust ängstlich auf die Uhr, um nur llicht die Tischzeit zu versäumen, zll der Tu Dich vorher in ein gestärktes Hemd und den aufgebügelten Gesellschaftsanzug werfen mußt. Dn setzt Dich zu Tisch lnld willst in riillhe das wirklich vorzügliche alls nlindestens 8 Gängen bestehende Dille: genießeil, soweit Dir selbstverständlich die den Kavalier geboteile Uliterhaltung mit Deiner Nachbarin Z,eit dazu läßt — Doch was ist das? Streichinstrumente werden in der Ecke gestillunt ui d ein fürchterliches Ahnen durchzieht Deine Brust. Tafelmusik! Allch solch' ein Prodrtckt unserer Ku turlosigkeit! Entweder Tu hörst mit Ohren und Gehirn, dann kannst Tu weder mit Andacht essen noch Dich unterhalten, oder Dll hörst nur mit den Ohren und beschäftigst Dein Gehirn mit anderen Dingen, dann verwandelt sich die Mltsik in ein unbestimmtes Geräusch, dessen Zweck allch die raffiniertefte Phantasie nicht erfasseil wird, oder Dll hörst überhaupt llicht Hill. Wozu dann der Lärm? Eiil vorzüglicher Humnler ivird anfgetragen. Millstatt mit denl Dir angeborellen Nassinement Dich der Vertilgung dieses wirklich hervorragenden Werkes des allmächtigen Schöpfers zll imterzieheil, ivirst Dn unruhig, weil Dll in Ungewißheit schwebst, ob das Glühwürmchen der mm schon seit einer Viertelstunde an es ergangenen Allfsorderung, zu Fiinlmern.etldlich nachgekommen ist. obgleich Dn doch ebenso lvie der Mann am Tirigenteilpult weißt, daß auf der Digne von Ostende die Glühwürmchen nuv in ganz seltenen Eremplaren vorkomnlell, oder Dll erfährst iti Iilterlaken im Polkatakt, daß es nüt dein trauten Ntann aut Bosporils enblirf) Schluß ist, eine Nachricht, bereit Inhalt Dir erstens scholl längst bekannt ltnb Dir zweitens im Allgesicht der schneebedeckten Jlulgfrall ziemlich gleichgültig sein sollte. Nach dem'Diner ist Neunion oder dlustreteil der berühniten Diva oder des Zauberkünstlers oder Sl)lllphoiliekoilzert oder Sektklleipe ulld wie all die „Zerstreuungen" sich neilnen, die zllr Sommerfrische passen, wie der Walzer aus der „geschiedenen Frau" als Begleitung zunt Tanz der Saloilte. Wo bleibt die Ruhe für Teilte dterven, wo die Erholling voll der