KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1910-1911
- Issue
- Heft 10 (1.7.1911)
- Date
- 1911-07-01
- Page
- Seite 155 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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155 Das kleine Häuflein der Gründer der Vindrina hat heute eine stattliche Anzahl von Männern neben sich, die im bürgerlichen Leben Seite an Seite mit ihnen arbeiten, es hat eine fast noch größere Zahl junger Akademiker hinter sich, die gewillt fiub freudig ihnen in ihren Bestrebungen zu folgen, und schon die nächste Generation ist in Kurzem bereit des Vaters Weg zu gehen. Die Zeiten, wo der junge jüdische Student nicht für würdig befunden wurde, die Blühe des Korps oder der Burschenschaft, die fein Vater vielleicht mitbegrttnden hals, zu tragen, weil diese Verbindung sich unterdes; erinnert hatte, das; Jude — alldeutsch sei, sind bald endgiiltig vorüber und unsere Söhne werden lvissen, wohin sie gehen sollen. Und so können wir sagen, das; der K. E. im engstell Kreise viel getan hat, das; er Seele zu einer Einheit gesammelt hat, die gemeinsanl siihlt. gemeinsanl denkt, im kleinsten Kreise hat er viele Personen zu einer Gesamtpersönlichleit vereinigt. Aber weiter soll das Strebelt des Einzelnen Utld vor Willem eitler kleinen Gesammtheit gehen. Es soll attch die, die nicht direkt seinem kleinsten Kreise allgehören, an sich ziehen, es soll auch für die Gesanlllttheit Aller zll wirkelt versuchen. Bekallllt ist es. das; die Viadrina als erste die deutsche Iudenheit zllnt Zusammenschluß lmd znnt Kampf gegen den Antisemitismus ansrief, bekannt ist es ailch, das; der Idee der Viadrina folgend viele andere jüdischen Verbände entstanden si>ld, die ihren Wirkungskreis teils im bürgerlichen Leben, teils au den Hochschulen fanden.' Diese Verbünde einigen allgesammt in sich einen großen Teil der gesamnlten deutschen Iudenheit. Ihre Ziele sind verschieden, ihre Bestrebungen nlanchmat konträr, jeder eint die Kräfte in seiitem kleinen Kreis. Auch hier arbeitet das alte jüdische Ideal, die Eillignltg der Gesanlnttheit, der Eilltritt der einzelneit Person in die Gesammtpersönlichkeit. Kleine Kreise werden ztmächst geschlossen, um die Herbeiführllltg einer Genteinsamkeit zu ermöglichen. An die jüdische Studentenschaft insbesondere an die jüdische Allgemeinheit, an die nichtjüdischen Mitbürger, a»t die ganze Menschheit im Weiteren richteten die alten Viadrinen seiner Zeit ihren Altsrnf. Und nicht vergebens! Die nnüberivindliche Kraft, die Idealen inneivohltt ultd das Wnndersame, das gerade diesem von der Biadrina anfgegriffenelt, der Einigung der Persoiten in der Gesamtpersönlicheit bienenben Ideale allgehört und das in den letzten zlvanzig Jahren in der Sozialethik feinen stärksten Ausdruck findet mib die Weltordnnng llmzukehren scheiltt, hat auch hier im kleinsten und von hier atts in weiteren Kreisen gewirkt. Wir haben jüdische Studenten znm Selbstbewußtsein geweckt, von dem Gedanken der. Biadrina ausgehend ist ein großer Teil der deutschen Iudenheit in akademischen und bürgerlicheit Kreiselt zu kleineren tlnd größereit Gesellschaftelt geeult worden, die alle den Kamps gegen den Antisemitismus, diese Schmach lmserer Zeit, sich zllr Pflicht gemacht haben. Wir können sagen, daß die Zeiten, wo der delltsche Illde sich schälltte Jude zlt sein, definitiv vorüber ist, mib daß die deutsche Iudenheit in ihrer großen Masse eine Gesammtpersönlichkeit darstellt, die ihre Menschenrechte und ihre religiösen Ideale zu verteidigen wissen wird. In unserem kleinsten Kreis haben wir somit zur Erfüllung der höchsten ethischen Forderung so manches beitragen. Aber was bedeutet unser kleinster Kreis im Verhältnis znm Gmizen? Dürfen wir feiern und dürfen nur sagen, es ist viel geleistet uunbeit? Nein und abermals nein! Wir müssen nnseren Ausblick weiten, wir müssen die Ziele weiter stecken. Die Menschheit gilt es noch zu erobern, Alle sollen wir zu einer Gesanttpersönlichkeit werden, alle eine große Seele bilden. Können wir dies, wenn unser Nachbar uns verachtet, wenn der vermeintliche Freund sich von uns wendet, sobald er keine Vorteile mehr bei uns findet, wenn wir weiter und weiter als die Ausstoßenen behandelt werden? Ans einem Gebiete hat der K. E. wegweisend geivirkt und kann ans die erzielten Erfolge stolz sein. Die Erzieh u n g unserer jüdischen Studenten und im Weiteren'unserer jüdischen Mitbürger zu selbstbewußten Inden ist ihm gelungen. Ein Gebiet steht uns noch offen, dort finden wir fast unbearbeitetes Feld. die Erziehung unserer christlichen Studenten und unserer christlichen Mitbürger zur selbstverständlichen Anerkennung unserer Gleichberechtigung. Es muß aushören, daß der Jude nicht für würdig befunden wird Offizier, höherer Richter, Staatsbeamter, sei es in den höchsten oder in den niedrigsten Stellen, zu tverdeu wie sein christlicher Mitbürger, es muß anshör.'u, das; es für jüdische - Chemiker unmöglich if;, in den größeren Fabriken Deutschlands Anstellung zu finden, und es darf nicht znm Brauch werden, daß gewisse kaufmännische Betriebe Juden nicht mehr einstellen. Es muß aushören, daß der Jude in der ihm entsprechenden sozialen Schicht gesellschaftlich als Fremdkörper behandelt wird. Glicht nur um unsertwillen erheben wie diese Forderung, nein, in der Arbeit für das höchste Ideal der Menschheit. Die Bereinigung im Gemiite, die wahre innere Zusammenschließung, das Gefühl der Einheit soll geschaffen werden, nicht nur für uns K. E.er, nicht nur für uns Juden, nein für die ganze große Gesammtheit.