KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1910-1911
- Issue
- Heft 10 (1.7.1911)
- Date
- 1911-07-01
- Page
- Seite 154 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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154 gchörigkeit, das Streben der Vereinigung im Gemiite, der Eintritt der einzelnen Person in die Gesammtpersönlichkeit, sind es nicht die alten Ideale des K. E., Wart für Wort? Wohl denkt die Ethik des Judentums und in ihrem Sinne auch Lazarus im Endziel an das ganze Universum, wohl ist es die gesamte Menschheit, die in einem umfassenden einigenden Verstehen zu „einer" Seele gewissermaßen znsammengesch lassen werden soll, wohl find es Ideale, die in ihrer Erfüllung weltumfassend sein füllen und müssen. Aber kann an der Erfüllung dieser Ideale nicht nur von unten her gearbeitet werden«? Können es nicht mir immer kleine oder kleinste Kreise sein, die sich zusammenschließen, sich in sich zu einen versuchen, nach erlangter Kräftigung immer weitere, wenn auch immer noch winzige Kreise in ihren Bann ziehend und sich einfiigend? Ein kleines Häuflein junger Studenten war es, das vor 25 Jahren das Ideal des Zusammenschlusses der jüdischen Studenten zur Abwehr des immer mehr um sich greifenden, akademischen Antisemitismus zum ersten Male unter seine Glaubensgenossen warf, ein kleines Häuflein von Idealisten. Fast als tollkühn zu bezeichnen war es, das; sie es wagten, die Mütze als neues Iudeuab Zeichen sich anzulegen und ihren christlichen Kommilitonen zuzurnsen: Ihr wollt uns nicht, gut. so sollt Ihr uns fühlen! Nur schwer war es jener kleinen Schar Verständnis für ihre Bemühungen zu finden. Die Glaubensgenossen wiesen ihren Aufruf um Hilfe mit Ausnahme einiger weitblickender Männer scharf zurück. Kein Verständnis fanden sie für die ideale Forderung, die sie an ihre Mitbürger stellten, mitzutun an dem Streben nach dem höchsten ethischen Ziele des Judentums und der Menschheit, nach der Vereinigung aller Individuen zu einer geschlossenen Gesamtheit — leisten Eudes, zum Zusammenschluß aller derer, die als akademische Bürger die gleiche Beschränkung ihrer Menschenrechte erfuhren — vorläufig. Der damalige Aufruf der neu gegründeten Verbindung Viadrina zeugte deutlich, daß es die höchsten Ideale der Menschheit waren, um die gekämpft werden sollte. Nicht nur um das Recht der Einzelnen ging es, nein, für die gesammte Judeuheit sollte gearbeitet werden, für den, der nicht zu uns hielt, genau so wie füx den, der an unserer Seite kämpfte. Achtung vor dem von allen Verbänden, von jedem Einzelnen zurückgestoßenen', sich seiner selbst schämenden Juden sollte erst geschaffen werden. Aber nicht nur an die Iudenheit dachten die wackeren Vorkämpfer des K. C., nein, auch um ihrer deutschen nichtjüdischen Mitbürger willen gingen sie in den Kampf. „Die Stellung, welche die jüdische Minorität der christlichen Majorität gegenüber einnimmt, ist ein Maßstab für den Gesinnungsadel eines Volkes und in diesem Sinne scheint es die kulturgeschichtliche Mission der Juden zu sein: Dem Volke, dem es angehört, die Achtung vor den lleberzengungen Anderer zu lehren". Mir diesen Worten verkiindeten die jungen Biadrinen im Jahre 1S8(> in ihrem „Aufruf an unsere Glaubensgeuoffen" das höchste sittliche Ideal der Menschheit, die Einigung aller in einer Seele, einem Empfinden. Dieses hohe ethische Motiv trieb die jungen Viadrineu mit in den Kampf, es gab ihnen die Kraft und es gab ihnen Gewähr für das Gelingen. Denn — ein Ideal, einmal in einer menschlichen Seele erdacht, kann niemals wieder anshören ein Ideal zu sein, — das Lazarns'sche Wort haben wir kaum je schöner erfüllt gesehen. Bitterster Haß von seiten der Gegner, scheues Zuriickhalten von seiten des größten Teiles der Glaubensgen offen,fastunüberwindliche Schwierigkeiten von seiten der akademischen Behörden, nichts hatte die Kraft das einmal gedachte Ideal zu unterdrücken. Unerwartete Unterstützung kam mm Süden und mit vereinten Kräften wurde die zarte Pflanze, der K. E.-Gedanke, in Breslau und Heidelberg gemeinsam gepflegt und gehegt, für seine Ausbreitung gearbeitet und gekämpft. Es war das alte Ideal, der jüdischen Ethik, das jene Biadrinen sich zu eigen gemacht hatten, alle jüdischen Studenten sollten möglichst in eine Gemeinsamkeit gebracht werden, sie sollten ihren Mitbürgern die ''Achtung vor uns Juden beibriugen, sie sollten so die Erlangung der höchsten idealen Forderung, die eine Seele, die eine Gemeinschaft herbeisühren helfen. Ideale — sie werden gehegt, gepflegt und werden so selten verwirklicht. Sie können nicht nntergehen, aber sie können oft kümmerlich gedeihen, können Jahrzehnte, Jahrhunderte und Jahrtausende schlummern und erst plötzlich wieder entdeckt und neu kultiviert werden. Wie jung ist da noch der Gedanke des K. C., der Gedanke der Viadrina! 25 Jahre liegen erst zurück! Kann man da schon wagen, dieses kiihne Streben der damaligen Vorkämpfer in seiner Wirkungsweise beurteilen zu wollen? Zu unserem Stolze können wir diese Frage mit ja beantworten! Eine kurze Spanne Zeit ist vergangen und doch ist der K. C. heute ein Verband, der sich über eine große Zahl der deutschen Universitäten verbreitet.