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KC-Blätter · 1911-05-01 · Heft 8 (1.5.1911) · p. Seite 125

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Journal
KC-Blätter
Volume
1910-1911
Issue
Heft 8 (1.5.1911)
Date
1911-05-01
Page
Seite 125 (sequence 11)
Language
German
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125 einzelne antisemitische Fanatiker achselzuckend zur Tagesordnung überzugehen, denn auch hellte noch finden jene Elemente einen geneigten Hörerkreis. Es halldelt sich aber bei jenen Vorgängen nicht um ein vereinzeltes Ereignis, allch anderwärts ist nlan eifrig am Werke, angeblich im Kaiilpfe gegen die freie Studentenschaft, gegen die jüdischen Stlldenten mobil zu lnachen. Ein interessanter Beitrag zll jener durchsichtigen Taktik bildet folgender Artikel der deutsch-sozialen Blätter (Nr. 5 Hamburg, 18. 1. 11.): Studentisches! Alls Tübingen schreibt man llils: „In mehreren Nummern dieses Blattes habe ich in der letzten Zeit zu meiner Freude treffende Worte über die freistlldeiltische Bewegung gefllnden. Der Kampf gegen diese semitisch lind größtenteils auch' sozialistisch gefärbte Beweglrng ist ilenerdiligs geradezu eine nationale Pflicht für jeden honorigen deutschen Studenten geworden. Was mau von der Studentenschaft zll erwarten habeil würde, wenn der akadelllische Freiblmd (!?) ans Ruder käme — Gvtt beivahre lms davor — sieht man selbst in einer fleinen Universitätsstadt. Tübingen galt bis vor kurzenl für eine ausgeprägte Kvrpvrationsstadt, wo das alte Burschentum lind die studelltische Ehre liild ein begeistertes Baterlandsgefühl einen festeil Bodeil hatten. O gaae mutLtio rerum! Jeist gibt es ill llllserevl kleinen Neckarstädtchen eine Anzahl jüdischer Stlldenten. die nicht so viel lilvralische Kraft ill sich haben, um sich dem so heilsanlen Zivailg einer Korporationsdisziplin zn llntenverfen. Diese Herren gründen dann einen Verein, der die Interessen der Nichtinkorporierten vertritt. Was das für eine Sorte deutscher Stlldenten ist, hat sich nun kürzlich fouucutlac gezeigt. Die famose fortschrittliche Volkspartei hielt in Tübingen eine Volksversalllnillmg, in der man um die Gunst der Sozialdelllokraten ill einer Weise buhlte, die bei jedem nationalen Deutschen starkes Unbehagen erregen nlußte, die lllls aber bei diesen Leuteit nicht ill BerwunderlUlg fetten kann. Als mau so eine Weile über das Znsammengehen mit den Roten disputiert hatte, trat ein Herr auf, der devl Vorstand der hiesigen freien Stndenteilschaft angehört lllld verkündete urbi et orbi. daß er im Namen der Tübinger Studentcilschaft warm für ein Zllsamlilengehen der Liberalen mit den Sozialdemokraten gegeil den schwarzblauen Block eintreten könne!! — Daß gegen solche unerhörte Dinge die Tübinger Universitätsbehörde, die. wie niarr ans den vielen kleinlichen Disciplinarvorschriften schließen kann, sehr viel Interesse all der Studentenschaft nimmt, nicht eintritt, ist mir und vielen anderll unbegreiflich". Wie lange noch'-'!!" Tie Angriffe. die sich richten gegen die freie Studentenschaft als solche, müssen hier ansscheiden; hier gilt es aufmerksam zll machen auf die .Kampfesweise unserer Gegner, es sind anfzndeckeil die Verdrehungen, die sie für notivcndig halten, und es ist zll proteftieren gegen die Art von Patriotisiilns. die in dem Artikel zn Tage tritt. Wer lvollte nicht meinen, nachdem er obigen Artikel gelesen hat, es gäbe eine rnächtige Menge jüdischer Studenten in Tübingen. „Eine Anzahl jüdischer Studenten gibt es" nach den poetischen Worten des Verfassers „in nnserm schönen Neckarstädtchen". Wer möchte daran zweifeln, nachdem eine antisenlitische Alltoritüt es versichert hat?! Nur spaßhalber lnachen wir NllS die Mühe die Zahlen genauer festznstellen und siede da, nilter ben IHh;; Studenten Tübingers findet sich die lmglanbliche Zahl von 20—25 jüdischen. Und wir gehen weiter und forschen in der „verjndel.m" Tübinger freien Studentenschaft nlld welche Ueberrafchnlig: Ein aktives jüdisches Mitglied stellt sich Nils entgegen! Man möchte fast lachen über jenen antisenlitischeli Statistiker, der sich der Mühe unterzogen Hot, sein Material in so linangreifbarer und liickenloser Weise zu salnmeln. Aber znm Spaß ist die Angelegenheit doch zll ernst, zll klar treten uns die Motive dieses Handelns entgegen. Auch hier ist der Angriff gegen die freie Studentenschaft mit der willkommene Vorwand, lim ill sernpelloser Weise fiir antisemitische Ideen zll agitieren. Es ist nicht genug, das; das anti'emitifche Gift in der üppigsten Weise die Stlldentenschaft durchdrllttgcll hat. man sehnt sich zurück ill jene Zeiten des rohesten Antisemitismus, wo derjenige als der Klügste und Tüchtigst? galt, der die unglaublichsten beschichten über die Inden zu erzählen wußte. Ich muß es mir hier versagen, von poliiischelt Gesichtspunkten alls ben Artikel zll kritisieren, so verlockend es auch ist, aber eins möchte ich noch hervorheben: Jener Ruf nach ben akademischeil Disciplinarbehörden geziemt sich nicht für einen Herrn, der mit Recht so viel hält auf das alte gllte Burschentum. Ter Verfasser ist wohlKorpörationsstudent, ein „freier" Bursch, llm mit dem Studentenlied zu redell. Aber jene akademische Freiheit gilt natürlich rrur für die Stlldenten ersterKlasse, also für dieGesinnungsgellofsen des Verfassers. Die misera plebs der

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