KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1910-1911
- Issue
- Heft 8 (1.5.1911)
- Date
- 1911-05-01
- Page
- Seite 124 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2268830-2268861-2268870--0165-2269367- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
124 gewissermaßen zu ihrem Wesen gehörten, sondern nur ihre Vielseitigkeit und ihre ursprünglich durch das „l/ernen" gesteigerte Begabung. Da ist cs scholl ein viel besseres Argument für die „speziell jüdische Begabung für das Geld und Kreditwesen", wenn Sonlbart auf den Erfolg hinweist, mit den: die Juden zu allen Zeiten ihr Geschäft betrieben haben. Alleill, wenn er folgenden Sah nnsstellt, (S. 3?;)) „es läßt sich muhelos feststellen, daß solange es eine jüdische Geschichte gibt, die Anhäufung großer Reichtümer bei einzelnen Juden ebenso wie die durchschnittlich größere Wohlhabenheit der jüdischen Bevötkerullg llicht bezweifelt werden kann, und daß zu allen Zeiten und in allen Kulturen der jüdische Reichtum gleichsarn sprichwörtlich gewesen ist", so werdeil wir ihm zurnfen: du sprichst von Zeiten, die vergangen sind! Gewiß ist die Hälfte dieses Satzes heute noch richtig, obwohl auch da schon Einschränkungen zu machen sind. Unter den Besitzer größererBermögen sind die Indell vielfach stärker aiizutresfen als es ihrem Prozentsatz an der Bevölkerung entspricht, aber im den Riesenvermögen, die erst in den letzten Jahrzehnten durch die Entwicklung Deutschlands zum Handel und Industriestaat entstehen konnten, sind sie nicht mehr im gleichen Grade beteiligt, und diese Erscheinung wird in dem Grade, in dem sich die größeren Banken mit» Industrieunternehmen gegen die Inden absperren, da um: durch leitende Stellung in ihnen der zum großen Erwerb unbedingt erforderliche Einblick in die Volkswirtschaft ermöglicht wird, sich noch mehr in der angedenteten Richtung weiter entfalten. Ans den Umstand, daß es ziemlich viel reiche Juden gibt, sind auch die von Sombart mitgeteilten Zahlen der badischen Einkonunensteuer zurückzuführen. Ganz abgesehen davon aber, daß die Verhältnisse bei den Juden in Süddcutschland und besonders in Baden, das kein Einwanderungsland ist, bester liegen als in Norddeutschland, wiirden auch diese Zahlen sehr wohl zulasten, daß neben einzelnen sehr reichen Personen auch ein Proletariat vorhanden ist, da ja nur Gesamterträgnisse ausgewiesen sind. Und so ist es besonders in Norddeutschland heute in der Tat. Wir wissen, daß von den 48000 Berliner jüdischen Censierten 37 000 in der untersten Steuerklasse zur Kultussteiler satieren, und daß es in Berlin 25000 jüdische Frauen und Mädchen gibt, die ihrem Erwerbe außerhalb der Familie nachgehen müsseil. Sombart hat sich mehrfach auf die Ergebnisse der Untersuchungen gestützt, die ich über die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in der Provinz Posen augestcllt habe, und hat unter anderem auch darauf hingewiesen, daß im letzten halben Iahrhllndert 50000 Juden dieser Provinz den Rücken gekehrt Huben, so daß hellte dort um noch 30000 Inden wohnen gegen HOOOO um die Mitte des vorigen Jahrhunderts. Glalibt er nicht, daß diese 50000ein mächtiges Kontingent zu denr allmählich auch in Deutschland entstehenden jüdischen Proletariat gestellt haben? Die Situation wird ja für den Inden ohne Kapital, der in Handel und Industrie nnterkoillnlen will, immer schwieriger. Auf der einen Seite der „seniorale Antisemitismus" der Grvßnlagnateil der Großindllstrie und der Großbanken, die Illdcil so gut wie gar nicht anstelle,l, auf der andcreil Seite der dentsch-liationale Handlllngsgehitfellverbaud. der bereits mit Erfolg versucht, aus Geschäften, die stärker von seinen Mitgliedern besetzt sind, die Illden hinnuSzndräugen oder doch ihrei, Eintritt zu verhindern, und in der Mitte die jüdischen Firmen, voll denen nicht wenig erklären, daß sie — feine Inden anstellen, da sie zu „anspruchsvoll" seien ustv. (daß sie entsprechelld mehr leisten, wird dabei meist verschwiegen!) Solcher Streitpunkte lästert sich iroch mehr herausgreifen. Allein es erscheint mir nicht frllchtbar, Sonib'lrt in dieser Weise zu kritisieren. Das Werk ist so einzigartig und stellt eine solche Fülle von llenen Problemen zllr Diskllssion und zur weiterell Folschung, daß es llndailkbar wäre, in einer Besprecliung nur das Trennende hervorzllkehreli. Ich kanil darum mein Urteil nur dahin zusammenfasten: Wir verdanken Sombart eilt klassisches Werk über die Illden, dem wir wenig Gleichartiges an die Seite zu stellen haben. Sombart hat damit nicht ein Buch, sondern das Buch über die Indeil uild das Wirtschaftsleben geschrieben. Aniisemitische Kampsesweise. Aon (511 fl <Mi Fl eflen heimer, iBcwariae). In frischer Erinnerung sind noch die Vorgänge allläßlich eilles Vortrags Bernstein in der leipziger freien Stlldentellschaft und die tlunuttuosell Sccnen, die sich abspielten in jener Berlüler Versammlung, die sich mit dieser Angelegenheit befaßte. Es liegt für den K. C. an und für sich kein Anlaß vor, zll dieser Angelegenheit der „Freien Studentenschaft" nähere Stellung zil nehmen, welln man sie nicht zum Vorwand genonlmen hätte, um gegen die jüdischen Studenten heftige Angriffe zu richten. Auch leben wir leider noch nicht in einer Zeit, wo es möglich wäre über