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KC-Blätter · 1911-03-01 · Heft 6 (1.3.1911) · p. Seite 92

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Journal
KC-Blätter
Volume
1910-1911
Issue
Heft 6 (1.3.1911)
Date
1911-03-01
Page
Seite 92 (sequence 10)
Language
German
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während der ganzen ersten Hälfte des Mittelalters ein halbes Jahrtausend hindurch unangefochten — ja vielfach bevorzugt — in Deutschland gelebt. Der Judenhaß wurde überhaupt erst durch den religiösen Fanatismus der Krenzzüge entfacht und in der Folgezeit durch soziale und wirtschaftliche Verhältnisse und allerhand törichte Vorurteile genährt. Aber selbst in den finstersten 'Zeiten, in denen nian den Juden alles erdenklich Schlechte nachsagte, wurde der Judenhaß niemals alsNaffengegensatz empfunden oder mit Naffenverschiedenheit begründet. Dem entspricht es auch vollständig, daß der Haß wiederum in demselben Maße abnahm, als mit dem Siege der Ideen des Humanismus und der Aufklärung seine Voraussetzungen sortsielen; die neneit Menschheitsideen. nicht aber etwa eine Aenderung der Nassenzusammenseßung haben den Judenhaß gemildert. Auch die politischen Verhetzungen und die sozialen Zustände, welche seit den 7<)er Jahren den Antisemitismus von neuem belebten und nährten, liegen so offen zutage, daß es wahrlich nicht mehr nötig ist, nach tiefen Ursachen und angeblichen 'Naturgesetzeil ,\u forschen. Auf den Ursprung des modernen ^Antisemitismus wirft aber insbesondere der Umstand ein Helles Schlaglicht, daß er sich keineswegs in allen .Nreisen des Volkes findet: er ist vielmehr gerade in Ponnnern und im Königreich Sachsen, im Bauernstand und bei den Beamten, also gerade in den (Gebieten und den Volksschichten am stärksten, wo zwar eine sehr starke Reaktion herrscht, wo Juden aber recht wenig zu finden sind und daher Nassengegensähen am wenigsten Nahrung geboten ist Ebenso widerlegt die tägliche Erfahrung die Fabel von der M i n d e r w e r t i g k e i t der j ü d i sch c u ')t a s s e. Auch hier führt die Bevbach tung des Lebens viel sicherer und schneller zum Ziel, als alle geistreichen'Hypothesen. Sehen wir uns doch einfach an. was Männer und Frauen jüdischer Abstammung tatsächlich geleistet haben und noch immer leisten. Trotzdem die deutschen Inden an Zahl nicht einmal die Einwohnerzahl von Mecklenburg-Schwerin erreichen, haben sie — getaufte wie ungetanste — seit ihrer Emanzipation auf allen Gebieten unseresKulturlebens Bedeutsames geleistet. Ich brauche nur an Dichter und Schriftsteller zu erinnern wie Heine, Börne, Berthold Auerbach, Franzos, Fritz Manthner, Schnitzler und Wassermann, an .Komponisten und Musiker wie Blendetfolin-Bartholdn, Nlenerbeer, Halevy, Offenbach und Joachim, anKüilstler wie Liebermann, Lesser Ury, Lilien und 'Alfred Messel, an die Frauen Dorothea Veit, Rahel Barnhagen, Henriette Herz und Fanny Lewald, an den genialen Physiker Heinrich Hertz oder den Kantsvrscher Hermann Eoheu, au Juristen wie v. Friedberg. Levin Gotdschiliidt. Staub. Heinrich Deruburg, Ielliueck. Labaud und Lene!.*) an die Väter der Völkerpsychologie Steiuthal und Lazarus an die Forschnugsreiseudeu Emiu Pascha und Hermann Vmchardt, ick) brauche bei Medizinern ans der großen Fülle nur 'Namen heranszngreifen nne Traube, Lester uub Ehrlich, mir an Erfilider zu erinnern wie Marens, dem wir das Benzinantomobil. oder Lilieuthal. dem wir' die bedeutsamen 'Anfänge der Lnstschisfahrl vcr danken. An sie reihen sich an die vielen Politiker jüdischer Abkunst wie der konservative Friedrich Stahl.derständigeParlamenlspräsidentv.Sinn'ml, ferner (Gabriel Niesser, Laster, Ludwig Bamberger, ÄNarir und Lajsalle, ganz zu schweigen mm dem großen Anteil der Inden an dem Aufbau unseres modernen Wirtschaftslebens, dessen Bedeutung durch die Aufzahlung von Namen wie Mayer Anselm Notsä.ild, Baron Hirsch, die Bankier familie Mendelsohn, Ballin, Ludwig und Isidor Löwe, Koppel, Goldberger. James Simon und Rathenau auch nicht annähernd erschöpft werden kann. Die Zahl bedeutender jiidischer Männer Deutschlands ließe sich nüihelos vermehren, und doch müßten schon mehr beim üGXl „Gcrnnuien" gleich.« ittanges des letzten Jahrhunderts namhaft gemacht werden, um einen entsprechenden Ai teil des „gernianischell" Stammes an unserer modernen dentscheil Kultur darzutml. Alle diese Männer und Frauen haben an der Größe und Macht unseres deutschen Vater landcs mitgearbeitet mib zrrm Nähme des deutschen Geisteslebens beigetragen. Schon das beweist, wie unsinnig es ist, n a t i u il a l e Fra gell mit Naffenfragen zu verquicken. Tat sächlich silld ,,'Nati oit" und „iltasse" ganz verschiedene Begriffe. Während ilälnlich der den Natnrivissenschafleu entnommene Begriff der „Nasse" Völkergruppeu bezeilhnet, welche sich durch angeborelle, fiel) infolge nat ii r! i ch e r Vererbung fort pflanzende Eigerlschasten voll anderen 'Volksgruppen unterscheidet, tollunen für den deri Geisteswissenschasten allgehörenden Begriff der „Nation" hauptsächlich Eigentümlichkeiten in Betracht, lvelche zwar dlirch die Tradition von einer Generation ans die andere *1 Dabei luv,uu*ifdt t'bmnbtTim», „v!> es in gerinnlöschen Mündern gestattet sei» füllte, lOiimticv jiidi'chen Stammes viichter»;,n ernennen uub vehaaptel. bau iic unser bentscheo -Koiljt nicht wirtlich „verstehen mit* suhlen" tönulen. Das benviiubct er nun nicht etwa damit, das', sich bie Silben als Anrißen, insvesanbere als Aichter nnfähi;'. errviescu hatten: das wäre ihm wähl auch schwer «v satten. Als „Beweis" bient ihm l. bie Uthit Spina.',as, bie er entstellt luicbcvoibt. li. eine a»rlebliche private XHeuiVvmin eines jnbilcheuMirzliebcs bcs -- amerikanischen Pctrvlenm trusts! Das nennt er wvhl „gesunben Atenscheiwerstanb"!

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