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KC-Blätter · 1911-03-01 · Heft 6 (1.3.1911) · p. Seite 91

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Journal
KC-Blätter
Volume
1910-1911
Issue
Heft 6 (1.3.1911)
Date
1911-03-01
Page
Seite 91 (sequence 9)
Language
German
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91 psychologischen Tatsachen. „FreihcitSUebe" oder „Hang ])\it Anarchie", „Treue" oder „Knechtsinn". „Rationalstolz" oder, „gallische Eitelkeit", „englische Perfidie" oder „deutsche Realpolitik", „semitische Intoleranz" oder „rücksichtslose Behauptung der Eigenart" (nach Chamberlain die höchste Pflicht der Germanen) nennen. Die Folge dieser Arbeitsweise sind natürlich die nndersprerlrendsten Beurteilungen derselben Tatsachen bei verschiedenen Rassentheoretikern. Während die Inden — mit nur ein Beispiel herauszugreifen — bisher als das klassische Volk der Religion galten und sie gerade deswegen von atheistischen Antisemiten wie Schopenhauer. Dühring und Marr als die Vorläufer des Christentums bekämpft wurden, findet Ehamderlain an den Juden keinen größeren Fehler, als den völligen Mangel an religiöser Begabung! Eine so unmethodische und nnwissenschaftliche Arbeitsweise muß jeden wissenschaftlich arbeitenden Mann abstoßen und tatsächlich haben alle großen Forscher ans dem (Gebiete der Anthropologie und Bölkerkunde, z. B. die Anthropologen Birchow und Kollmann. die Geographen Ratzel und Kirchhofs, der Sprachforscher und Ethnologe Friedrich Müller die Historiker Mommsen und Lainprecht die ^llassentheorien stets aufs schärfste verurteilt und bekämpft. Daher ist die Feindschaft der Rassentheo' retiker. namentlich auch Ehamberlams, gegen die Wissenschaft verständlich. ^war stützt sichEhanlberlain. solange ihm die Ergebnisse der Wissenschaft günstig zu sein scheinen, gerne auf „unwiderlegbare" wissenschaftliche Tatsachen und versäumt nie, alle Anssprüche von Gelehrten die seine Behauptungen nnterstiißen können, anzuführen. Sobald die Wissenschaft aber seinen Theorien nicht so will sährig ist, ist sie „eine große Gauklerin und verführt den (Rüst zu toller Schwärmerei." Recht charakteristisch dafür ist es. wie er dem Leser seinen Rasseiibegrisf mundgerecht zu machen sucht. Weil die wissenschaftliche Forschung zu einem für ihn ungünstigen Resultat gelangt, verzichtet er einfach ans alle Wissenschaft und will sich anstatt dessen von seinem „g e s u n d e n M e n s ch e n - v e r sta n d" und seinein „s i ch e r n I 11 sti n k t" leiten lassen, die einem jeden die Zngeh ö r i g k e i t z n e i n e r e d e l n R affe o f f e n - bare. „Wer — so schreibt Ehamderlain — einer ausgesprochenen Rasse angehört, empfindet es täglich.ein solcher Mann e r k e n n t sich selbst (und wird von guten Beobachtern erkannt) an der S i ri) erl> eit s e inesEh a r a k - ters sowie daran, daß seinen! Tun eine einfache Größe eigen ist. .... Rasse verleiht ihm außerordentliche. fast darf ich sagen, übernatürliche Fähigkeiten." Also rein persönliche Wertungen, vielleicht gar Selbstgefälligkeit und Ueberhebnng. die wohl am ehesten eine so hohe Meinung von der eigenen Person erzeugen, sollen die sichersten Erkenntnismittel sein! Kann es da Ehamberlain an' eifrigen Nachbetern und treuen Anhängern fehlend Da fällt einem der Ausspruch Göthes ein: „Man braucht nur etwas aus zusprechen, was dem Eigendünkel und der Bequemlichkeit schmeichelt, um eines großen ''Anhangs in der mittelmäßigen Menge gewiß ,;u sein". Hier zeigt die Rassentheorie ihr wahres Gesicht : nicht objektiv gegebene reale Tatsachen sondern nnkontrollierbare Stimmungen und Gefühle sind ihre Erkenntnisquelle. Ein solches Psendogelehrtentum hat daher kein Recht, sich auf die ^lutorität der Wissenschaft zu stützen. Aber auch unsere Erfahrung, der beste Prüfstein der Wahrheit, hat die hypothetischen Schlußfolgerungen der Rassenantisemiten längst widerlegt. Denn klarer und einfacher als alle langatmigen Theorien zeigt uns das tägliche Leben, wie unrecht die Behauptungen find, der Judenhaß entspringe einenr a n g e b ore n e n. i n sti n ktiven Rassengegengesetz der „Germanen" gegen die Inden, und die andere, die jüdische Rasse sei minderwertig, dem Inden fehle die Originalität und die produktive Kraft sowohl im künstlerischen Schassen wie im wissenschaftlichen Denken und Forschen. Würde der Judenhaß dem Gegensatz zwischen der jüdischen und germanischen Rasse entspringen, also lediglich die Aeußernng eines Naturgesetzes sein, dann müßte er auch die Merkmale jedes Naturgesetzes tragen: Allgemeinheit und Allgemeingil'tigkeir. Er müßte besonders beim Kind zum Durchbruch kommen, bei dem das natürliche Empfinden durch Erziehung und Borurteile nicht getrübt ist. Wir sehen aber tatsächlich gerade das Gegenteil; das Kind weiß nichts von Antisemitismus, solange es nicht durch äußere Einflüsse (antisemitische Lehrer. Erziehung, Schülerverbindungeu) infiziert wird.*) W i r finden auch den Judenh a ß w e d e r z n all e n $ eite u n o ch i u alle it B olks s ch i ch t e n. Die Inden haben *) l>!)ninln*r(nin freilich behauptet kühn, kleine Ninder ln* innen einen ansgeprägten -Kaffeninftinft nnb bcnnitucit ..zu heulen. sobald ein echter üiasseiude oder eine ,Ziidin in ihre Gliche tritt". Diese Anekdote, mit der er alle ..künstlichen Nanstrnkiionen der (belehrten" schlafen zu können glaubt, die ihm w wichtig dünkt, daß sie ..einen ganzen anthropologischen.Kongreß 'aufwiege", ist natürlich ein ganz unsinniges Märchen. was jeder sofort durch ein einfaches Erperiment feststellen kann, Ehamberlam begnügt sich aber mit der Erwähnung, ihm sei das .von verschiedenen Seiten gemeldet worden" und baut dann ans solchen „Tatsachen" seine Hypothesen ans.

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