KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1910-1911
- Issue
- Heft 6 (1.3.1911)
- Date
- 1911-03-01
- Page
- Seite 90 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2268830-2268861-2268868--0121-2269313- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
90 heit und Erde. So sehen nur. daß höhere Ahiltur sich mir in dem gemüßigten Erdgürtel, der glücklichen Zone, in der die Körper- und Willenskraft der Menschen gestählt wird, .zur Entwicklung gelangt. Soll dos nur daher kommen, daß zufällig nur liier „edle" Nassen ausgetreten sind'«' Doch wohl eher daher, iveil hier die günstigsten äußeren Verhältnisse für die Kulturentwicklung bestanden. Die geographischen Verhältnisse sind freilich nicht für alle .Kulturstufen von gleicher Bedeutung. Ein Naturvolk ist z. V. Klimaeinflüssen viel mehr unterworfen, als ein Kulturvolk. Denn viele Eigenschaften und Erzeugnisse der Länder erhalten erst auf späteren Kulturstufen ihre Bedeutung, Auch ändert sich das Land unter dem Einflüsse der Zivilisation; aus der ärmlichen Wildnis wird eine reiche, lebenerfüllte Kulturlandschaft. So hat z. B. erst die Kolonisationstätigkeit der Nömer an den Ufern des Rheins und der Donau, so haben später die Franken in Sachsen, die Deutschritter in den Ostseeländern unwirtliche «Miete in blühende Kulturlandschaften verwandelt und dadurch erst geschichtslose, barbarische Naturvölker waren, als an den Gestaden des Miltelmeers ein Zeitalter höchster Kultur herrschte; nichts deutete damals darauf hin, daß sie bestimmt waren, dereinst an der Spitze der Menschheit zu marschieren. Solche Wandlungen in der ganzen Gedankenwelt und Lebenshaltung können an dem Fnnern eines Volkes nicht unvermerkt vorüberziehen. Mit ihnen ändert sichdaher das ganze Bild, das wir von einem Volke erhalten, umsomehr, als wir sein Geistes und Seelenleben überhaupt nur an den Niederschlägen beurteilen können, welche sein Denken und Handeln in seiner Kultur und seiner Geschichte gefunden l,ot. Es läßt sich daher gar l icht unterscheiden, was ein Volk der Eigenart seiner Rasse und was es fremden Einflüssen verdankt, und manche Knltnrelemente, welche von einem andern Volke entlehnt sind, benutzen wir vielleicht spater als Erkenntnis-, mittel zur Beurteilung des Charakters und der Tüchtigkeit der Rasse. Wir können daher überhaupt keine scharfen Grenzen zwischen den europäischen Knlturrassen ziehen. Fedenfalls fehlt uns aber nach dem die Grundlage geschaffen, auf der die germanischen und slavischen Stämme höheres Kulturleben entwickeln konnten. So verbindet sich die Wirkung des geographischen Milieus mit dem wohl noch mächtigeren Einfluß fremder Kulturen und Stationen. Ueberhaupt darf man bei den Milieueinslüssen nicht allein an klimatische Einflüße denken, wodurch Buckle und Taine die Milieutheorie in Mißkredit brachten. Biel rascher und intensiver wirken oft gewaltsame und friedliche Völkerbeziehungen, sowohl Eroberungen und Wanderungen als auch Waren- und Gedankenaustausch indem sie ein Volk in ein ganz neues kulturelles und soziales Milien eintreteu lassen. Dann zeigt sich, daß das, was tief im Wesen der Völker zu wurzeln scheint, woraus sich ihre Denkart und ihr Charakter enthüllt: Sprache. Religion und Sitte. Literatur und Kunst. Erzielnuig und Wissenschaft, Verfassung und Vernssleben keineswegs unauflöslich mit einem Volke verknüpft ist. Fm Gegenteil, sehr oft wird alles das freiwillig oder unter äußerem Druck von ihren Trägern aufgeben, um fremde Kulturelemente dagegen einzutauschen. Knltnrbesitz deckt sich daher keineswegs mit Rassen ab stammnng. Fa, es gibt nicht ein einziges Volk, das seine gegenwärtige Kultur von Urbeginn an selbst geschaffen hätte. Was wären denn die Griechen ohne die Aegypter und Babylonier, was wären wir ohne Griechen und Römer? Der Stolz auf unsere gegenwärtige Kultur sollte uns doch nie vergessen lassen, daß alle heutigen Kulturvölker heutigen Stande der Wissenschaft jede Möglichkeit. ans bestehenden physischen Unterschieden zwischen ihnen Rückschlüsse auf ihr Geistesleben und ihre Bedeutung für die Knltnrentwicklnng zu machen. War es schon nicht zu erwarten, daß Theorien, welche auf so schwankem Grunde! aufgebaut waren, der Wirklichkeit nahe kämen, i so mußten ihre Ergebnisse durch die völlig unzuverlässige Methode der Rassen - t h e o re t i ke r. durch ihre unwissenschaftliche Art und Weise, Forschungsergebnisse zu sammeln und zu verwerten, noch mehr entstellt worden. Das zeigt sich besonders bei der Schilderung der Charaktere, der geistigen und seelischen Eigenschaften der Rassen. Denn liier fehlt überhaupt jeder objektive Maßslab. der exakte wissenschaftliche Forschungen ermöglichte. Subjektive W e r t li v t e i I e treten an seine Stelle: j Einzelsälle werden verallgemeinert, jeder Mangel! der fremden Rasse eifrig gebucht, alle Kulturj fortschritte aber der eigenen blasse zugeschrieben; j oft werden gar dieselben Eigenschaften bei der! einen Rasse als schlimme Fehler getadelt. > während sie bei der andern aufs höchste gelobt! werden. Fn seinem vorzüglichen Buche: „Moderne i Rassentheorien" bringt Hertz eine interessante! Gegenüberstellung solcher Urteile. Was Chamberlain bei den Germanen „Arische Wanderlust"! und „Drang nach Abenteuern" nennt, heißt bei! den Semiten „kulturschädlicher Nomadismus", j „Schmarotzertum". Bei den Ariern nennt er „hochgeartetes Streben nach Besitz" was er bei den Semiten als „gräßlichen Zinswucher" und I „Habgier" hinstellt. So kann man dieselben