KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1910-1911
- Issue
- Heft 6 (1.3.1911)
- Date
- 1911-03-01
- Page
- Seite 89 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2268830-2268861-2268868--0120-2269312- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
89 länglichen Schädel, „den ein. wenig schlagendes von Sehnsucht gequältes Gehirn aus der Kreislinie des tierischen Wohlbehagens nach vorn hinaushämmert." Was hätten wir da wohl erst von Luther, Kant und Bismarck, ucm Schiller, Göthe, Schopenhauer und Beethoven, die sämtlich ansgesprochene Breitschädel besaßen, zu erwarten gehabt, uhmui sie mit den „edeln" Langschädeln unserer tüchtigen hinterpvnunerischen Bauern ausgerüstet gewesen wären. Nun wird es jo in der Tat wohl kaum mehr bezweifelt, daß mit der stärkeren Inanspruchnahme des Gehirns bei steigender Kultur auch die Hirnentwicklnng zunimmt. An Gehirnmasse wird daher ein Kulturvolk stets ein Naturvolk übertreffen. Hier handelt es sich aber um erworbene Eigenschaften, die von den! geistigen Milieu eines Lölkes, wovon später die Nede sein wird, abhängig sind. Dagegen ist bisher eine feste Beziehung zwischen der Schädelform und der geistigen Begabung nicht festgestellt worden. Insbesondere sind die Hlipothesen Ammons, LapongeS und anderer Nassenlheoretiker, welche den langschädeligeu Nassen, insbesondere der nordischen, blanden (germanischen) eine höhere Intelligenz zuschreibeu. als den breitsthädeligen Rassen, durch die llntersuchungen des bekannten Anthropologen Bnschan nüderlegt, der in seinem Buche ..Gehirn und Kultur" auf Grund sehr reichhaltigen Materials nachweist, daß das Hirnvolnmen und die Intelligenz v o u derS rf) ä del - f o r m n n a b h ä n g i g ist und daß es sich mit zunehmender Kultur stets verm e li r t. Als Kriterium der Nasse ist die Schädelform aber nmnenllich deswegen ungeeignet, weil sie n i d> r n n r d u r dj v e r erbt e B e r a n - l a g n n g , s o n d e r n a u ch d n r ch d i e Ü n ß e r e n B e r h ä I t n i s s e, d a s Bk i l i e n . b e d i n g t nnrd. Sa scheint es. daß Gebirgslandschaft und steigende Kultur die Schädelbreite vermehrt. Ja. Nyslröm und Watcher haben sogar erperinientell uachgennesen, daß sich die Form des l'iuMitl>cn Schädels dnrä) eine beslinunte Lagerung des Kopfes, durch Ausübung eines äußeren Drucks oder durch Vermehrung der Blutzufuhr beeinflussen läßt. Wenn aber eine bestimmte Schädelform ebenso wohl ererbt als mul), durch äußere Verhältnisse verursacht sein kann, kann ans ihr die Rnssenzngehörigkeit eines Menschen nicht inehr bestimmt 'werden. E s g i b t somit keine c i u 5 i 9 c a 11 a t 0 m i s ch e 0 d e r p h i) s i s ch e Eigent ii m l i ch k e i t, w e l ch e e i n c r d e r a b e nd - l ä n d i s cl) e n K u l t n r r a s s e n a u s schli e ß - t i ch z n kÜ me, n i ch t e i n e e i n zig e Eigenschaft. welche l e d i g l i ch durch Er e r - bnng erworben würde und aus der mau die R a s s e u z u g c h ü r i g k e i t eines I u d i v i d u u m s. bei dem mau sie vorfindet, mit Sicherheit f c ft ft c 11 c tt könnt e. , Nur irrige, wissenschaftlich nicht begründete Voraussetzungen konnten die Vorstellung Hervorrufen, daß unter den europäischen Kulturrasseu feste, unüberbrückbare Nassenuuterschiede beständen. Mit Necht sagt daher der bekannte Anthropologe Waiß: „Man soll sich hüten, feste Nassennnterschiede als nnnberschreitbare Grenzen zu betrachten, die in der Tat nur dadurch ent st e h e u, daß man die ertremen Fülle als typisch an sieht." Natzcl. wohl unser bedeutendster Forscher ans dem Gebiete der Völkerkunde. stimmt diesen Worten bei und fiigt ihnen noch die Aufforderung hinzu, die Mahnung zu beherzigen. Die irrigen Theorien gehen hauptsächlich ans den naiven Glauben an „reine Nassen" und an „Urrassen" zurück, deren Eristenz jedenfalls unbeweisbar ist. Denn das jeßt bestehende Völkerchaos ist nicht erst durch die Wanderungen und Kriege entstanden, welche in der kurzen Spanne Zeit der bekannten geschichtlichen Ueberlieferung die Völker vermischte und dnrcheinanderwnrselte. Sind ihnen doch schon in der nnendlichen Vergangenheit, ans der keilrerlei Denkmal, kein Zeugnis, keine Dradition zurückgeblieben ist, zweifellos zahllose Kriege und Wanderungen voransgegangen. Wo ist der ruhende Pol in dieser Entwicklung'S Wo fängt die „reine", die „Urrasse" an. wo hört sie aus zu bestehen? Die alte, naive Denkgewohnheit, die in der Familie das tlrbild der Nasse sieht, welche die Völker von einem Stammvater abstammen läßt, lebt in der „Urrasse" weiter und veranlaßt uns, nach Ursprüngen und Zusammenhängen zn suchen, die niemals nachweisbar sind. Der ärgste Fehler der Nassentheoretiker besteht aber darin, daß sie die starken Kräfte nicht berücksichtigen, ivelche von außen her auf die Völker einwirkeu, sie beeinstnssen und nmbilden. Denn jedes Volk ist von den geographischen Verhältnissen des Landes und den knltnrellen und sozialen Beziehungen zn andern Völkern außerordentlich abhängig. Namentlich üben die Verschiedenheiten des K' l i m a s der Länder, ihrer K ü stengliede - r n n g . der B 0 d e n g e st alt. des Reichtums an Bodens ch « ß e 11 und Natnrerzeug - n i s s e n aller Art die stärkste Rückwirkung aus die Körperbeschaffenheit, die Denkmigsart und den Charakter der Völker ans. Ueberall enthüllt sich uns daher ein stetes Wechsel - verhältnis von Land und Volk, Mensch-