KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1910-1911
- Issue
- Heft 4 (1.1.1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 57 (sequence 7)
- Language
- German
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57 auch unverständlich bleiben. Die Werke Fritz Reuters sind (%'mehitfiit aller gebildeten Deutschen geworden. Illach in den fünfziger Ialiren des vorigen Jahrhunderts wäre eS icndenkbar gewesen/ daß Schriften, deren Inhalt so ganz dem norddeutschen Leben und Wesen angepaßt war, in Süddentschland einem so atlgetneinen Verständnis begegnet wären, wie es die neuere Zect au den Werken von Theodor Storni und des Verfassers von Jörn llhl gezeigt hat. Dies rvachsende Verständnis zwischen Rord- und Süddentsthland. also die Vollendung der geistigen Einigung der deutschen Elativ,i, ist nicht in letzter Linie dttrch Reuter angebahnt »vorden. Bei solcher Bedeutung dieses Schriftstellers rechtfertigt es sich, die Frage aufzuwersen: Wie stand Reuter deuJudet» gegenüber? Derjenige, der iu Ermangelung einer Reuter - Biographie und in Ulilenntnis des täglichen Gebens des Dichters diese Frage beantworten will, muß sich dara'.lf beschränken, ans den Schriften des Mecklenburgers seilte Stellung zu den /jaden zu erkennen. Dem Beobachter der heutigen;]c\t, in welcher fast jeder neu erscheinendeRonian mindestens „seinen" Inden enthält nnd in ivelcl>er Indenfrage itub jiidisll-e Sitte ein beliebter Stoff für Dramen geworden sind, wird es kaum auffallen, daß fast in jedem größeren Werke Reuters Juden vorkonnnen. Jur Ieit tltenterS aber bot die kleine Minorität der Juden keiueswegs einen vom Volke gern gelesenen tutd bei den Literaten beliebten Stoff, zumal bei solchen üiiteratcn, die. wie Reuter, auf bcu Absatz ihrer geistigen Erzeugnisse a»lgewiesen waren. Allein schon das Verweben voll jiidischen Persollen irr die Werke Reuters beweist, daß dieser dell Zweck verfolgte, seine Ansichten über die jüdischen Mitbürger zu verewigell. Was Reuter lvvhl aui lneisten bei beu Inden bewnndert. ist das jüdische ff n nt i I i e nleb e ll. Sagt er doch gerade von dem im übrigen iiidjt sonderlich snmvathischen Händler David hi „Ut inine Stromtid". daß mancher Ehrist sich an ihm ein Beispiel nehmen könne: so hege und pflege er seineil alten Vater, nnd David hat cmf den pietätvollen Vorschlag des Notars Slusuhr. er solle feinen alten Vater entmündigen taffen, nur die Antwort: „Wissen Se, da iS so!". Worte, die ein gebildeter Mensch durch die Redewendung ersetzt habet» würde: „Es widerspricht nieinem kindlichen Gefühl. ben Vater entmündigen zu taffenWie rührend ist aber gar die voll Reuter geschilderte Liebe der jüdischen Mutter zu ihrem Uind.e! Lange Jahre ist es her. daß der Jude Isaak in „Hantle Mite" Mörderhändel» zum Opfer fiel, und noch immer ist der tägliche Jannnerschrei der vor Gram halb lmzurechllungsfühig gewordenen Mutter: „Mein Isaak, mein Isaak!" Das ganze Leben der arnlekl alten Fra»» lvird ansgefüllt durch die Erinnerung an ihren Sohn, der den» Mutterauge so schön erschien, tutd wemt ihr die Erinnerung an die Mordtat die liebliche Vorstellung stört, da gibt sich ihr gattzer Jammer kund in dem wilden Schrei: „Fluch, dreitttal Fluch dem wilden Mörder Auch die Ehrlichkeit des jüdifcherr Gefchäftsmannes stellt ^ltenter l;och. Die Wllcherer. die ill „llt mine Stromtid" den Junker Arel von Rambow all den Bettelstab bringen wollen, silld in rvohitnelldetll lüegettfal; zu den Fceytag schell ltzeslalten ill „Soll uub Haben" Ehristert, mit lvelchetl der Jude David lltn halb und halb gellteillsante Sache tüncht. Der Jude hingegen, der alle Moses, leiht dem dllrch eigene»» Leichtsinn rtlüliertell Junker kein Oield: „Einem Spieler gebe ich fein Geld" sagt er ihn». Er will nicht, daß mau später auf sein Grab unter Verwüllschnllgen zeigen soll, weil er unter denen gewestm sei. die ''Arel ztl Grunde richteten. Verachttlllgsvoll behandelt Moses die christlichen Wucherer, tutd jede Gemeinschaft mit ihnen lehnt er ab. Er holt sich, wie er sagt, seine Louisd'or anS klarem reinen Wasser, und der Grundsatz „von ölet" ist im fremd. Reuter weiß and) die jüdische Wohltätigkeit ill Helles Licht zll setzen, Ganz nebenbei erfährt der Le »er von „llt miiic Stromtid", daß Rioses für den Friedhof seiner l^lanbensgenoffen eine eichene Umzäunung gestiftet hat. Und welche Fülle menschlichen Erbarmens läßt die Handlungs weise des alteil Mannes erkennen, als er. um 'Oirel vor dem wohlverdienten Untergang zu retten, verspricht, trotz der „schlechten Zeiten" Hl OOO Taler zu beschaffen! Wer luödjr* es dem Dichter verargen, wenn er in gutmütigem Spotte auch jüdische Schwachen geißelt? Dies Bestrebet» Reuters tritt in den „Läuschetc tutd Ritttels und in den „Memoiren des Inspektors Bräfig" zu Tage. Es mag zugegebcm sein, daß Reuter in diesen kleineren Schriften manche Uebertreibuug unterlaufen ist, so daß dem flüchtigen Beobachter wohl derGedattken fonuneu fmni, Bleuler fei in seinem Spott zu tveit gegangen lind sei gehässig geworden. Eilt solcher Schluß wäre trügerisch. Denn welche Bedeutung kantt diesen kleineren Werken, die tote z. B. die „Lauschen und Rimels" ans Sorge ums tägliche Brot entstanden sind, und den in ihnen enthaltenen (Gestalten beigemessen werden, angesichts der Werke des gereiften Dichters und der in ihnen geschilderten Charaktere! ES läßt sich deulllach aus de»» Werken Reuters der Schluß ziehet», daß der Dichter den Freiheits- | idealen seiner Jugend treugeblieben ist und sich