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KC-Blätter · 1911-01-01 · Heft 4 (1.1.1911) · p. Seite 54

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Journal
KC-Blätter
Volume
1910-1911
Issue
Heft 4 (1.1.1911)
Date
1911-01-01
Page
Seite 54 (sequence 4)
Language
German
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54 Cvuleur in der hellsten Oeffentlichkeit jedem ankündigen: „Wir sind Juden." Das tun Inden, die dach keinen sehnlicheren Wunsch in der Brust tragen, als neben der politischen Gleichstellung, die errungen ist, auch die völlige gesellschaftliche (Gleichstellung mit allen Andersgläubigen an erreichen. Warum trägt der Jude Couleur? Diese Frage lässt sich, wenn sie so gestellt ist, mit denselben Worten beantivarten, mit denen die Existenzberechtigung der jüdischen Korporation an sich dargetan wird. Die Cvuleur ist ein Protest gegen die Intoleranz der Andern. Wir schließen uns nicht ans, sondern mir sind ausgeschlossen, und das zeigen wir. Da nun mit dieser Rechtfertigung die Frage des .st. E. in seiner ganzen Grundlage berührt wird, und fast jedes geschriebene und gesprochene Wort über ' den St C. hierüber handelt, wollen wir in diesen Zeilen die Frage spezieller stelle,! und lediglich untersuchen, warum trügt die jüdische Korporation, deren Existenzberechtigung wir als gegeben ansehen, Couleur? Ist die Couleur wesentlich mit dem K. C.-Gedanken verknüpft oder nicht? Wäre es vielleicht besser, wenn der K. C. keine Farben trüge? Der .st. C. ist eine Trnhgemeinschaft. ES gibt von den vielen Bereinigungen, die zum Ziel die Abwehr des Antisemitismus haben, keine, die in so aktiver Weise den Kampf anfgenommen hat und heute noch führt. Andere Gemeinschaften beharren in Ruhe und reagieren erst dann, wenn die Judeufeindschaft einen Vorstoß unternommen hat. Der.st. C. beharrt nicht in Ruhe, er ist beständig auf der spürenden Wacht wie eine Patrouille zu Kriegszeilen. Philosophisch abgeklärte Köpfe mögen uns darum schelten, und sie mögen mit ihren Beschwichtigungen für die bürgerliche Judenschast im Rechte sein. Aber man bedenke, daß der .Vi. (5. seine Stätte nicht im ruhigen, breiten Bürgertum hat, sondern im llniversitätsleben. wo das Blut noch jung ist, und der Antisemitismus am lebendigsten uttd empörendsten wirkt. Der junge, jüdische Stltdent. er ,nag noch so forsch und bororig sein, in ein Corps, in eine Burschen schuft nsw. lammt er doch nicht, liegen diese schnöde Ungerechtigkeit, die Um von seinen bis herigen Freunden reißt und eine.Viluft für das ganze spätere Leben zieht, hat er nicht nur das gute blecht, sondern sogar die Pflicht zt, protestieren. Und je größer die Beleidigung ist, tunso lauter muß der Protest sein. Welche Wirkung hat ein ruhiger Verein jüdischer Studeuien, der nicht hervortritt. Rein, auf . dieselbe Weise, wie der Hieb gekommen ist, muß er pariert werden. Ihr werft uns durch den Ausschluß vor, daß wir für das KorporaticmSleben nicht tauglich seien! Seht, wir besitzen selber die straft, eine eigene Korporation zu bilden! Ihr meint, wir seien nicht mutig genug, für Eure Farben in die Schranken zu treten! Seht, wir haben die Kühnheit, die am leichtesten angreifbare Eigenschaft zur Schau zu tragen, und exponieren uns Eurer Kritik, wenn Ihr sie noch wagt. zu jeder Zeit. Es ist natürlich, daß diese Proteststimmnng nur gezeigt werden kann, wenn der jüdische, inkorporierte Student in Mühe und Band auf die Straße tritt. Wären die K. C.'Korporationen nicht farbentragend. so würden die antisemitischen Verbände in den meisten Fällen keine Notiz von ihnen zu nehmen brauchen. So tauchen die jüdischen Mühen beständig vor ihnen auf und machen mit ihnen das Straßenbild einer deutschen Universitätsstadt ans. Dem tentschen Rassedüukel der Rur-Germanen mag dies ärgerlich sein, nnS kann dieser Aerger nur freuen; denn es ist ihre Schuld, daß die jüdische Couleur entstanden ist. und es liegt nur an ihnen, um sie sofort wieder verschwinden zu lassen. Wie sehr das Eonleurtragen so im Prinzip des st. E.-Gedaukens liegt, zeigt die (beschichte der Verbindung Viadriua, die alsbald nach der Gründung zu Beginn ihres zweiten Semesters sich eine schwarze Tuchmühe anssehte. Freilich wurde dann! sofort ihre Lage schwieriger, aber es lag in der Absicht ihrer Gründung, den empörenden Antisemitismus Breslaus zu einer Anseinandersehung zu zwingen, statt ihn mit sanfter Deur.lt weiter zu dulden. Tie Nachfolgerin der Viadriua muß ja bedauerlicherweise heute der Farben entbehren, wie auch die Bavaria in Heidelberg bis vor einigen Monaten. Aber ,venn man auch ans taktischen Gründen, insbesondere ans Sorge vor einer neuen Suspension sich noch nicht in Breslau entschließen konnte, eine neue Couleur aufzusetzen, so ist diese doch nur eine Frage der Zeit, und die Couleur wird auch da wiederkommen. Durch die.Kämpfe der alten st.C.er siud ja auch die 'seiten besser geworden, und nur Jüngeren erleben kaum mehr die heftigen Faust- und Stockkämpfe die in den neunziger Jahren durch die näch1licl)en Straßen Breslaus und Heidelbergs tobten: doch der alte Ausschluß besteht für uns weiter, woher es denn auch mit Freuden zu begrüßen ist. daß die Ghibellinia neuerdings Farben trägt, und der st. C.-Gedanke in Freiburg so wieder sichtbar geworden ist. Er zeige auch in äußerlich ruhigen Zeiten den jungen Akademikern, wie traurig es noch immer mit der Toleranz der Korporationen bestellt ist und zwinge sie zum Nachdenken. Dieses ist eine der besten Wirkungen der Couleur nach außen hin. Nicht nur daß sie

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