Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1910-12-01 · Heft 3 (1.12.1910) · p. Seite 40

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1910-1911
Issue
Heft 3 (1.12.1910)
Date
1910-12-01
Page
Seite 40 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2268830-2268861-2268865--0057-2269246
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

40 Art der Judenfeindschaft berühre nur einen kleinen Teil des Volkes, da ja nicht jeder vermöge seiner Erziehung ^Anspruch hat, zur sogen, guten Gesellschaft gezählt zu werden. und daß daher eine große Zahl von Juden und Christen an der Gesinnung jener Oberschicht kein Interesse hat. Abgesehen davon, daß tue K. ^(L.-Verbindungen schließlich in geivissem Siur.c Staudesorganijationen sind mit sich schon deshalb auch mit Standesfragen befassen dürfen und müssen, übersehen diese doch, welchen ungeheuren Einfluß die Gesinnung der oberen Gesellschaftsschichten — ungeachtet allerReibnngsflächeu — ans die Volksgesamtheit. und nicht zuletzt ans die Lenkung der Staatsgeschäste auszuüben vermag. Die Anerkennung seitens der guten Gesellschaft bedeutet in den Augen der Gesamtheit ein Welturteil. Schon jetzt sehen wir. daß mehr und mehr Vereine, deren gesellschaftliche Siebung und Auslese im übrigen sehr weitherzig gehandhabt wird, den Grundsatz der Iudenausschließung sich zu eigen machen, weil sie den wahnwitzigen Glauben haben, dadurch auf der gesellschaftlichen Stufenleiter zu steigen; glücklicherweise wohl stets ohne den gewünschten Erfolg. Daß die Gesittttnng der gesellschaftlichen Oberschicht für die Leitung der Staatsgeschäfte geradezu bestimmend sein kann und meistens ist. ergibt sich aus der Natur des modernen Staates. Ergänzt sich doch der Personenkreis, dem die großen und kleinen Hebel der Staatsmaschine anvertrant sind, fast ausschließlich ans dem geschilderten (Gesellschaftskreise, zu dem ja immerhin die Hauptmasse derjenigen gehört, welche die Bildung der Zeit in sich ausgenommen haben. Und wird doch andererseits gerade durch die Mitwirkung an StaatSgeschäften die Zugehörigkeit zu jenem U reise erworben. Zwischen der Tendenz der Gesellschaft und derjenigen der Regierung besteht eine Wechselwirkung, deren Zusammenhänge im Einzelnen gesetzmäßig zu erforschen für den Soziologen eine ebenso dankbare wie schwierige Aufgabe sein winde. Wenn man der Geschichte des Judenhasses nachgeht, jo gewinnt man den Eindruck, daß es sich um eine wahrhaft dämonische Gesellschafts-Suggestion handelt. Wahrlich, es liegt etwas Dämonisches in diesem Jahrhunderte alten Haß. der sich jedem als Jude Geborenen schon in derUindheit an die Fersen heftet, um ihn wie ein Gespenst durchs ganze Leben zu begleiten? Gesät worden ist die Saat des Judenhasses, — wer weiß, von wem, — in den Zeiten des schlimmsten religiösen Fanatismus, in der Zeit der Kreuzzüge. Ein Gewächs der Finsternis! Wie diese Saat aufgegangen ist. missen wir nur zu gut. Wir wissen auch, wie endlich das Arorgenrot der Aufklärung dämmerte, ivie schließlich im Jahre 1899 das „Gesetz über die Gleichberechtigung der.Konfessionen in bürgerlicher und staatsbürgerlicher Beziehung" — als der Abschluß einer langen Entwicklung und als der Ausdruck der damaligen Stimmung des deutschen Volkes — den religiösen Fanatismus als kttttnr- und gesetzwidrig brandmarkte. Damit war eigentlich dem Judenhaß der Boden entzogen, ans dem er ursprünglich gewachsen war. Aber nun zeigte sich, wie weit das llnkrant um sich gegriffen hatte; es zeigte sich, daß es auch ohne seinen ursprünglichen Boden noch weiter wucherte, daß der Judenhaß und die Iudenverachtuug gleichsam selbständige Triebe im Volke geworden waren. Es zeigte sich bald, daß es noch mehrerer Geschlechter bedürfen würde, um diese eingewurzelten Triebe allmählich zu beseitigen: Da geschah auf einmal das llnerwarte! Man hatte sich in der menschlichen 'Natur verrechnet! Man hatte nicht daran gedacht, daß es eine Menge Leute gab, denen der Judenhaß eine willkommene Waise zur Erreichung irgend welcher Zwecke war. Und sie haben aufs neue diese alte vergiftete Waise mit irgend einem Mäntelchen geputzt, einem religiösen oder chauvinistisch-nationalen, einem sozialen oder einem wirtschastspolitischeu Mäntel chen. Die einen wollten sie benützen, um dcn ihnen verhaßten politischen Liberalismus zu beseitigen, andere, um im wirtschaftlichen und sozialen Daseinskämpfe unbequeme Wettbewerber zu verdrängen; ja manche gründeten auf die politische Ausbeutung des Judenhasses selbst ihre.eigene wirtschaftliche Eristenz. So ist denn jene Bewegung groß geworden mit ihrem kleinen offenen, aber ihrem großen stillen Heerbann, die, um der verschiedensten Zwecke willen den Judenhaß als Programm entrollt. Es ist ihr gelungen, ihnen aufs neue den Makel einer in sozialer Beziehung minder geachteten .Ulasse anzuhestcu; und warum das alles! Weil es eben — Juden sind! Daß dieser Appell an die niedrigsten Leidenschaften so außerordentlich glänzend gelungen ist. daß das im deutschen Volke doch sonst lebendige Gerechtigkeitsgefühl sic!) nicht ausgebäumt hat, ist aus den ersten Blick befremdend. Es. ist aber pji)chologisch ausreichend ertlärt, wenn man die ungeheure suggestive Urast billiger Schlagworte in Erwägung zieht; wenn man erwägt, daß die so schmählich mit Schmutz beworfenen Inden es fast Jahrzehnte lang nicht für nötig hielten, sich ebenso laut zu verteidigen, wie sie angegriffen wurden; ivenn mau weiter erwägt, wie stark die menschliche Steigung ist. Einzelsälle zu einem allgemeinen Vorurteil zu erweitern; wenn man endlich in Betracht zieht, wie mangelhaft oft die Ethik des beruflichen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.