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KC-Blätter · 1910-11-01 · Heft 2 (1.11.1910) · p. Seite 27

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Journal
KC-Blätter
Volume
1910-1911
Issue
Heft 2 (1.11.1910)
Date
1910-11-01
Page
Seite 27 (sequence 9)
Language
German
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rs 27 s. Schnitzler, den Spiegel vor die durcheinander laufenden Strömungen, und zeigt er die Verschiedenheiten der neuen Juden nicht nur in der Entwicklung ihrer Programme, sondern auch die Verkörperung lebensvoller, interessanter Vlenschen, wie den tapferen Leo Golowski, den ziellosen Schriftsteller Heinrich Bermann, der heute an diesem, morgen an jenem Problem sich entzündet, den paradoxen Geist des Skeptikers Nürnberger, die beiden Ehrenbergs, Vater und Sohn, jener Nichtsals-Inde, dieser ein Afsimilant schlimmster Art, die beiden Doktoren Stäuber, auch Vater und Sohn,aber wie verschieden in ihrer Geisteskultur von jenen, den glanzenden Willy Eusler usw. nsw., so kmm man wohl ahnen, welche Fülle von uns bewegenden Vorkommnissen der Roman birgt. Wie das Goethe'sche Weltkind steht Georg inmitten aller dieser Propheten nnd läßt sich von der Inbrunst der Meinungen bald hierhin, bald dorthin führen. So hört er einer leidenschaftlichen Auseinandersetzung über die Naturnotwendigkeit oder den Abersinn der zionistischen Idee zu, und, wie es so vielen unter uns, bevor sie sich zur Klarheit dnrchgerungen haben, selber geht, neigte sich Georgs Sinn „bald Leo zu, in dessen Worten ihm ein glühendes Mitleid für seine unglücklichen Stammesgenossen zu beben schien, und der sich stolz von Menschen abkehrte, die ihn als ihresgleichen nicht wollten gelten lassen. Bald wieder war er innerlich Heinrich näher, der sich zornig von einem Beginnen abwandte, das, phantastisch und kurzsichtig zugleich, die Angehörigen einer Rasse, deren' Beste überall in der Kultur ihres Wohnlandes anfgegangen waren, oder mindestens an ihr weiterarbeiteten, von allen Enden der Welt versammeln und in eine gemeinsame Fremde senden wollte, nach der sie kein Heimweh ries". .Und eine Ahnung steigt in Georgs Gemüt auf. wie wechselweise bald Trotz bald Ermattung die besten Inden befallen mußte, so daß das Gefühl ihres Daseins, ihres Wertes ihrer Rechte infolge der immerwährenden Empörung sich verwirren mußte. „Zum erstenmal begann ihm die Bezeichnung Jude, die er selbst so oft leichtfertig, spöttisch und verächtlich im Munde geführt hatte, in einer ganz neuen gleichsam düsteren Beleuchtung aufzugehen. Eine Ahnung von dieses Volkes geheimnisvollem Los dämmerte in ihm auf, das sich irgendwie in jedem aussprach, der ihm entsprossen war; nicht minder in jenen, die diesem Ursprung zu entfliehen trachteten wie einer Schmach, einem Leid oder einem Märchen, das sie nichts kümmerte, — als in jenen, die mit Hartnäckigkeit auf ihn zurückwiesen. wie auf ein Schicksal, eine Ehre oder eine- Tatsache der Geschichte, die unverrückbar feststand." Es ist dies die persönlichste Stelle, aus der Schnitzlers verzweifeltes Herz sich zu enthüllen beginnt. Trotz der gewollten Zurückhaltung. sich nicht selbst in die Debatte mit einer eigenen Meinung zu mischen, fühlt man, wie sein Herz vor Erregung klopft, wo solche grausamen Probleme gegeneinander abgewogen werden, und kein Ausgleich zu finden ist. Der Pessimismus des Dichters, kann sich nicht entscheiden. Er spricht sein: „Non liquet“ a:i$, und tut, was echten Dichters Art ist, er leuchtet in jedes Herz hinein, stellt mit der Liebe, die jeder nach Wahrheit dürstenden Seele gebührt, sowohl den stürmischen Förderer Leo Golowski dar, der über die Grenze will, und schenkt auch seine mitleidende Liebe dem Gegenwartsmenschen Bermann, dec nur sein Oesterreich liebt. Wer löst solche. Fragen so, daß ein Dichter, ein Schnitzler, in eitler Lösung das absolute Heil erblickt? Wie Ibsen, der große Seelenanatom, antwortet Schnitzler nicht; er stellt wie der Norweger nur die entscheidende Frage. Und eine brennende Frage richtig zu stellen, zeugt von größerem Genie, als eine Antwort zu geben, die nicht unbedingt für jeden die Wahrheit darstellen kann. So ungelöst ist die Ewigkeit des jüdischen Problems für Schnitzler, daß er an anderer Stelle Heinrich wieder ganz anders reden läßt, er befände sich dochin Feindesland. Als Georg den Widerspruch mit früher feststellt, iluterbricht ihn Heinrich Bermann ganz gequält: „Ich sagte Ihnen ja scholl, die Sache ist viel zu kompliziert, um überhaupt erledigt zu werden. Sogar inner- .lich ist es.nahezu lmlllöglich. Und mm gar in Worten!" Und um nun dieKomplikation allch ill allderer Weise anzudeuten, schildert Schnitzler mit feiner Ironie, die einem Erlebilis Zll verdallken ist, wie auch ein Widersprllch zlvischell der ällßerell Geste luld dem Ziel der Worte die Anschaulichkeit der jüdischeil Frage noch mehr verwirren kann: „Es fiel Georg llicht zum erstell Mal auf, daß Heinrich. der darauf bestand, hier daheim zu sein, in Figllr und Geste einem fanatischen jüdi-

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