KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1910-1911
- Issue
- Heft 1 (1.10.1910)
- Date
- 1910-10-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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9 J&L ihrer ablehnenden Haltung gegen die Aufnahme jüdischer Studierender einmütig zusammenstehen werden." Die Gegenüberstellung des eingeb.rachten Antrages und der angenommenen Resolution zeigt, daß es der Burschenschaft doch selbst zur Zeit der antisemitischen Hochflut ein zu starkes Stück war. jüdische Reichsangehörige als Nichtdeutsche zu betrachten. Dagegen wollte man einmütig zusammcnstehen in der „ablehnenden Haltung" gegenüber den jüdischen Studenten. Warum, so muß man fragen, wurde der einzig stichhaltige Grund: „Juden sind keine Deutsche" nicht offen angegeben? Warum hatte die Burschenschaft als Staat im Staate nicht den Mut, den Inden abzusprechcn, was ihnell die Verfassung und das Gesetz zuerkannt? Verbot dies vielleicht Freiheit, Ehre, Vaterland? Gerade um letzteres willen hätte die Burschenschaft, falls sie wirklich der Ansicht war, Juden seien nicht Deutsche, ihren Standpunkt offen zum Ausdruck und un Staate selbst zu gesetzlicher Anerkennung bringen müssen. Vielleicht hatten den Aktiven aber die alten Herren, die gegen die Resolution protestierten, klar gemacht, daß es Juden waren, die die Burschenschaft m i t g e g r ü n d e t und sie gehalten hatten zu Zeiten der Verfolgung, als die Burschenschaft noch nicht so auf Rosen gebettet, aber auch nicht so übermütig war, wie heute. Vielleicht hatte die Mehrzahl der Burschenschafter noch die Gedenktafeln beachtet, auf denen zwischen den 1870/71 gefallenen Bundesbrüdern auch jüdische Namen nnverkeltubar hervorklangen, auf den Tafeln, die den mit Blut erkauften Preis für das Ziel der Burschenschaft, die Einigung Deutschlands, darstellten. Vielleicht hatte mancher der Geschichte studierenden Burschenschafter in den Blättern der Befreiungskriege den Bericht des Staatskanzlers Fürst Hardenberg getestn, der da schreibt: „Die jungen Männer jüdischen Glaubens sind die Wasfengefährten ihrer Mitbürger gewesen, und wir haben unter ihnen Beispiele wahren Heldenmutes und der rühmlichen Verachtung der Todesgefahren aufzuweisen, so wie die Einwohner, namentlich auch die Frauen in Opfern jeder Art sich den Christen angeschlossen haben. — Allein bei Belle-Alliance haben 55 jüdische Landwehrofsiziere ihr Leben geopfert." Ich will zu Gunsten der Burschenschaft annehmen, daß es die eben angeführten Tatsachen und ähnliche mehr (nicht allein Kompetenzfragen) waren, auf Grund deren mall davor zurückschreckte, sich offen zu der Ansicht zu bekeunen: „Juden sind keine Deutsche und werden deshalb aus der Burschenschaft ausgeschlossen." Jedenfalls war dieser Gedanke der Grund zu der Resolution und zu dem Ausschluß der jüdische» Studenten aus der Burschenschaft. Fast 80 Semester sind seitdem ins Land gegangen. An die Stelle der starkströmcnden antisemitischen Flutwelle ist das seichte, ruhige Meer des A s e m i t i s m u s getreten; wer es früher als Sport betrieb, sich im Radauantisemitismus zu betätigen, der ist jetzt Anhänger der neuen Mode, die sich in einer vornehmen Zurückgezogenheit gefällt; kurz: die Periode der antisemitischeil Angriffe hat den gegenwärtigen aiemitischen Zustand gezeitigt. Wie hat sich nun die Judcufrage in der Deutschen Burschenschaft weiterentwickelt? Man mußte logischer Weise annehmcn, so lange die Resolution von I8!1ir bestehen blieb, wäre in der Burschenschaft eine weitere Entwicklung der Jndenfrage nicht möglich. Doch eine logische Folge kann inan nur erwarten, wenn der Grundgedanke, von dem inan ausgeht, selbst logisch war. Das war er aber nicht, und darum hat die 30 semestrige Entwicklung die deutsche Burschenschaft Lügen gestraft. Ich habe oben festgestellt, daß der Grundgedanke des Ausschlusses der jüdischen Studenten aus der Burschenschaft war: „Juden sind leine Deutsche". Es ist dies der Satz, in dein der Rasseuantisemilismus gipfelt. Ich will mich bei meiner Betrachtung auf den Standpunkt des deutschen Burschenschaftlers stellen, der von den Ergebnissen der wissenschaftlichen Forschlmg keine Notiz nimmt, die Berechtigung des Rassenantiscmitismus bejaht und mit Pathos der Welt kündet: „Juden sind keine Deutsche und deshalb aus der deutschen Burschenschaft ausgeschlossen". Doch er wird sein Pathos bald etwas einschränken nlüssen, um seinem Eouleurbruder zur Rechten und dem Herrn Verkehrsgast vis-ü-vis nicht zu nahe zu treten. „Der Jude gehört nicht in die Burschenschaft", das kann er rufen, so oft und so laut er will, aber den vermeintlichen Grund, „weil er kein Deutscher ist", das darf er nicht zu laut aussprcchen, denn damit bekennt er sich als Rassenantisemit und-sein Couleurbruder zur rechten und der Herr Ber-