Altneuland
- Journal
- Altneuland
- Volume
- 3 (1906)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1906)
- Article
- Kolonisation und Kolonisationspolitik
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 23 (sequence 4)
- Language
- German
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— 23 — Andeutung nicht bedarf, macht die Anführung kleinerer Beispiele überflüssig. Erwähnt sei nur noch die Ausbreitung der hellenischen Kultur durch das Kolonisationsvolk des klassischen Altertums, die Griechen — ein dem erstgenannten kulturhistorisch fast ebenbürtiges Ereignis und die an Bedeutung freilich geringere, aber doch wesentliche Einbürgerung römischer Kultur in Süd- und Mitteleuropa, wo sich bekanntlich noch heute auch materielle Reste römischer Kolonien finden. "Weniger dauernd, aber von fast nicht minderer temporärer Bedeutung war die Kolonisationstätigkeit der „Hansa", die vom 13. bis zum 15. Jahrhundert die Verkörperung des damaligen Welthandels war, die ganz erstaunliche Erfolge in der Geschichte ihrer ja wesentlich kolonisatorischen Wirksamkeit zu verzeichnen hat, deren Macht fast nur in den ihr von der Natur gesetzten Grenzen eine Schranke fand. Wenn von dieser kolonialen Macht ebensowenig wie von der jener beiden einst weltbeherrschenden Städte Genua und Venedig kaum ein Rest auf unsere Tage sich erhalten hat, so liegt das an dem reinen liandelscharakter der Kolonisation der Hansa wie der italienischen Städterepubliken, die nicht Menschen verpflanzen, sondern nur Waren importieren und exportieren wollten. Das führt uns auf die Frage, was denn Kolonisation im heutigen Sinne eigentlich sei, worin ihr Wesen bestehe, und welche Arten von Kolonisation bei der offenbaren Verschiedenartigkeit der einzelnen Kolonisationen wohl zu unterscheiden seien. Der Erörterung dieser Frage wenden wir uns nun zu, in dem Bewusstsein, definitive Resultate einer alten Wissenschaft nicht geben zu können, sondern zwischen mehr oder weniger sicheren und gründlichen Versuchen eines noch ziemlich jungen Wissenschaftsgebietes uns vorsichtig durchtasten zu müssen. Um dabei - stets dem Leser ein eigenes Urteil oder doch die Nachprüfung des unseren zu ermöglichen, werden wir die wichtigeren und heute in weiteren Kreisen geltenden Anschauungen einzelner Forscher nacheinander in möglichst objektiver Darstellung bringen und dann zusammenfassen, was wir als die Quintessenz der KolonisationsWissenschaft anzusehen und als theoretischen Fundus unserer kolonisatorischen Arbeit hinzunehmen haben. Was ist Kolonisation, oder um die Antwort zu vereinfachen: was ist eine Kolonie? (Wobei dann Kolonisation selbstverständlich als die auf die Errichtung von Kolonien abzielende Tätigkeit zu verstehen ist.) Ueber diese erste Frage herrscht noch am meisten Einigkeit, und es wird kaum einem prinzipiellen oder sonst