Altneuland
- Journal
- Altneuland
- Volume
- 2 (1905)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1905)
- Article
- Jugendpflege
- Date
- 1905-11-01
- Page
- Seite 323 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 323 — Herz, geb. Edle von Läinel in Wien zum Andenken an ihren verstorbenen Vater, Simon Edlen von Lämel, mit einem Kapital von 50000 Gulden begründet, wurde die Schule im Jahre 1856 von Dr. Ludwig August Frankl in einem Mietslokale der Altstadt ins Leben gerufen („kein Denkmal, das prunkt, aber ein solches, das wirkt und edel macht"). Frankl erzählt in seinem Buch „Nach Jerusalem" Unglaubliches von den Schwierigkeiten, welche ihm die jüdische Orthodoxie bereitete, und von den Schmähungen, die ihm sein Versuch, den Juden eine elementare Bildung beizubringeri, einbrachte. Mit einem Klagelied verliess er die Stadt, deren jüdische Bewohner ihm durch ihre „Irreligiosität, Niedertracht, Unehrlichkeit und Lüge" bittere Tränen ausgepresst hatten. Die Verhältnisse haben sich bis heute nicht gar viel geändert. Zerrissenheit und Spaltung, Intrigensucht und heuchlerischen Fanatismus finden gerade die eingehendsten Beobachter noch immerfort in der aus 23 Kolelim zusammengewürfelten Jerusalemer Gemeinde. Dazu lastet noch heute wie vor fünfzig Jahren der Bann der aschkenasischen Rabbinen auf der Schule und Schulgemeinde und wird halb- oder alljährlich durch .öffentlichen Maueranschlag aufgefrischt. Und doch lässt sich, wenn man auf den Andrang zu dieser oder den andern Bildungsschulen blickt, nicht verkennen, dass der Umschwung in der geistigen Physionomie Jerusalems sich auch hier nicht ohne Spuren vollzogen hat. Die Bevölkerung hat nicht minder als die Anstalt eine Eintwicklung durchgemacht. Zwar sind die beiden Knabenschulen noch nicht vollbesetzt, in dem neuen Lämelschulhaus sind von den 300 vorgesehenen Plätzen noch 100, in der Alliance-Schule von den 1000 sogar noch 600 frei; allein in der Rothschild- Mädchenschule mit ihren 600 Schülerinnen ist kein Raum mehr da. Aber gerade dieser Andrang der Mädchen kennzeichnet neben der fortgehenden Aufwärtsentwicklung der Knabenschulen deutlich genug den Fortschritt, der an die Stelle der Indolenz und Gleichgültigkeit Lerneifer und Bildungshunger gesetzt hat. Die Judenheit kann sich eben der Erkenntnis von dem Nutzen und der Notwendigkeit einer, breiteren Schulbildung im Zusammenhang mit dem Kampf umis Brot und der ganzen geistigen Signatur der Zeit nicht entziehen; gerade auch das oft sich traumhaft regende Nationalbewusstsein führt dazu, wirtschaftlich und sozial eine Stellung