Altneuland
- Journal
- Altneuland
- Volume
- 2 (1905)
- Issue
- Heft 8 (August 1905)
- Article
- Deutsche Kolonisations-, Wirtschafts- und Kulturbestrebungen im türkischen Orient
- Date
- 1905-08-01
- Page
- Seite 236 (sequence 12)
- Language
- German
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— 236 — schon grössere Summen in dem türkischen Orient investiert als Deutschland, da es einerseits ebensoviel Kilometer Eisenbahn daselbst besitzt, nämlich ohne die von beiden Ländern gemeinsam zu erbauende Bagdadbahn 1043 km gegen 1033 km deutscher Bahnen, andererseits aber weit mehr an anderen Konzessionen beteiligt ist. Auch wird dies Uebergewicht des französischen Kapitales nicht leicht aufhören, da Frankreich nicht nur an sich reicher ist als Deutschland, sondern auch exotische Werte in Paris viel leichter unterzubringen sind als an deutschen Börsen; auch der ev. Weiterbau der Bagdadbahn wird Deutschland keinen grossen Ersatz zu bieten vermögen, ' da Deutschland zwar mit 50%, Frankreich aber immerhin mit 30% daran beteiligt ist. Dass im allgemeinen grosse Konzessionsunternehmungen das europäische Kapital gut verzinsen, besonders aber, wenn sie über bedeutende Kilometer-Einnahmegarantien seitens der Regierung verfügen, wie es bei der anatolischen und Bagdadbahn der Fall ist, ist bekannt. Aber auch der deutschen Industrie werden durch diese Bahnen sehr erhebliche Einnahmen zugeführt, da die meisten Schienen, das rollende Material in Lokomotiven, Personen- und Güterwagen — allein auf den Linien von Eskischehir nach Angora, Konia und Biledschik gibt es 43 Lokomotiven und -1800 Personen- und Güterwagen —, sowie die Maschinen der Reparaturwerkstätten aus Deutschland bezogen wurden. Schon die grösstenteils deutsche Einrichtung der Werkstätten der Eisenbahn in Eskischehir soll einen Wert von 20 Millionen Mark repräsentieren. Relativ gering ist hingegen der Vorteil, den Deutschland aus den beiden Bahnen durch Anstellung deutscher Beamten zieht. Natürlich gibt es eine Reihe deutscher höherer Beamten: Ingenieure, Werkführer, Bureaubeamte an der Eisenbahn; aber die weit überwiegende Mehrheit der Angestellten, namentlich der unteren Beamten: Lokomotivführer, Schaffner, Stationsbeamte, wird, schon wegen der verlangten Sprachkenntnisse, aus der Türkei und dem Orient selbst genommen, und zwar sind es neben Türken speziell Armenierund Griechen, die sich für diese Posten ausgezeichnet eignen. In den 280 Mann beschäftigenden Werkstätten von Eskischehir sind nach einem Bericht des „Times"- Korrespondenten (Jan. 1905) z. B. nicht weniger als 80% der Angestellten Türken. Die Werkstätten für kleinere Reparaturen daselbst beschäftigen 140 Mann, darunter nur wenige Europäer, unter Leitung eines deutschen Werkführers, und von den 24 Lehr-