Altneuland
- Journal
- Altneuland
- Volume
- 2 (1905)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1905)
- Article
- Deutsche Kolonisations-, Wirtschafts- und Kulturbestrebungen im türkischen Orient
- Date
- 1905-06-01
- Page
- Seite 173 (sequence 13)
- Language
- German
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— 173 — die Organisation angelegen sein Hesse, anzuweisen sein; bei Bestimmung der Siedelungsstelle wären dann die sanitären Verhältnisse nicht zum mindesten massgebend. Auch eine Reihe von Offizieren, die in den nächsten Jahren landerforschend und speziell kartographisch arbeitend Kleinasien besuchten, wie Major v. Di est (Neue Forschungen im westlichen Kleinasien, Petermanns Ergänzungsheft 116, 1895, S. 22), Leutnant Maercker (Reiseberichte, Tägliche Rundschau 1895), Leutnant v. Kannenberg (Kleinasiens Naturschätze, 1898, S. 1—2), äusserten sich in ähnlicher Weise, ebenso Dr. L. W. Grothe in seinem Aufsatz: Deutsche Kulturmission in Kleinasien (Deutsche Geographische Blätter, Bremen, 1899). Praktische Konsequenzen hatten aber alle diese Vorschläge nicht, was hauptsächlich daran lag, dass die Leitung der Anatolischen Eisenbahn der Ansiedelung sehr kühl gegenüberstand, und dann auch wohl, weil, wie v. d. Goltz berichtet, man im Generalkonsulat in Konstantinopel der Ansicht war: „man tut immer am besten, den Leuten vom Herkommen abzuraten, denn am Ende haben wir nur Schwierigkeiten davon." Offenbar von der gleichen Stelle aus beeinflusst schrieb denn auch 1898 E. v. d. Nahm er in seinen Reisebriefen an die Kölnische Zeitung (zusammengefasst unter dem Buchtitel: Vom Mittelmeer zum Pontus) bezüglich der kilikischen Ebene: „Man hat davon gesprochen, deutsche Bauern anzusiedeln, aber wie die Verhältnisse liegen, erscheint mir der Plan vollkommen verfehlt, noch weit mehr als die gleichen Bestrebungen für das anatolische Hochland, und hoffentlich bedarf es nicht des praktischen Beweises, der nichts als Unheil bringen würde."1) Um die Angelegenheit der Kolonisation nun etwas in Schwung zu bringen, stellte Major v. Schlagintweit, der 1898 Kleinasien bereist hatte, im Mai 1899 im Kolonial-Wirtschaftlichen Komitee zu Berlin den Antrag: mit der General-Direktion der deutschen anatolischen Bahnen in Konstantinopel in Verbindung zu treten, behufs Durchführung einer deutschen Kolonisation grösseren Stiles auf dem anatolischen Hochlande. Als Vorbereitung hierzu beauftragte das Kolonial-Wirtschaftliche Komitee den Landwirtschaftler *) Wie stark aber damals diese Ideen in dem leicht zu Uebertreibungen neigenden Orient ventiliert wurden, beweist das Erlebnis v. d. Nahmer's, der, als er von einem Ausflug nach Priene zurückkehrte, das Gerücht in Smyrna fertig vorfand, seine Reise „bezwecke die Erkundung von Gegenden, wo deutsche Kolonisten angesiedelt werden könnten." Man erzählte sich bereits von 40 000 Deutschen, die wohlbewaffnet, sogar mit Kanonen, demnächst anrücken und ihre Siedelungen errichten würden, und wenig fehlte, dass dieser Unsinn in Yildiz Kiosk den Befehl zur strengen Ueberwachung der verdächtigen Reisenden hervorgerufen hätte.