Altneuland
- Journal
- Altneuland
- Volume
- 2 (1905)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1905)
- Article
- Deutsche Kolonisations-, Wirtschafts- und Kulturbestrebungen im türkischen Orient
- Date
- 1905-06-01
- Page
- Seite 170 (sequence 10)
- Language
- German
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— 170 — polnischen Kolonisten von „Adam Pol" oder „Polones Tschiftlik", dicht bei Skutari, welche Kolonie vor mehr als 50 Jahren von dem polnischen Fürsten Adam Czartoryski gegründet wurde, die früher als Katholiken vom französischen Konsulat protegiert wurden, stehen jetzt fast schutzlos da. Um so mehr wurde die Möglichkeit einer deutschen Grosskolonisation in Kleinasien in der deutschen Presse ventiliert, und es ist nicht ohne Interesse, diese Bewegung einer näheren Betrachtung zu unterwerfen. Kein Geringerer als Moltke war es, der zuerst auf die wirtschaftliche Bedeutung Kleinasiens aufmerksam machte, freilich nur brieflich und ohne die eventuelle Kolonisation seitens Deutschlands hervorzuheben. In seinen 1882 veröffentlichten Briefen über Zustände und Begebenheiten in der Türkei aus den Jahren 1835—39" schreibt er 1839 aus Kleinasien: ,,Wieviel Naturkräfte sind hier noch ungenützt, wieviel Bäche brausen dahin, welche Mühlen und Werke treiben könnten, welch endlose Wälder stehen unangerührt aus Mangel an Strassen, wieviel Baumaterial liegt hier umhergestreut, welche mineralischen Schätze verschliessen diese Berge, wieviel derselben liegt offen zu tage und wartet nur der Ausbeutung." Der erste, der deutsche Ansiedlungen in Kleinasien empfiehlt, ist der Hallenser Professor Ludwig Ross, der im Jahre 1850 ,,Reisebriefe und Aufsätze über Kleinasien und Deutschland, mit Bezugnahme auf die Möglichkeit deutscher Ansiedlungen in Kleinasien" veröffentlichte. Seitdem* wurde dieser Gedanke von Nationalökonomen weitergesponnen. Wilhelm Roscher betrachtet z. B. in seiner 1856 erschienenen Schrift „Kolonien, Kolonialpolitik und Auswanderung" Kleinasien als ein Land, das in Zukunft das Erbe Deutschlands bilden sollte. — Rodbertus, der spätere Mitarbeiter Bismarcks, schreibt, ,,er hoffe, die Zeit noch zu erleben, wo die türkische Erbschaft an Deutschland gefallen sein wird und deutsche Soldaten- und Arbeiterregimenter am Bosporus stehen". Das war in den 50er Jahren, als die deutsche Auswanderung noch recht ungeregelt war, als namentlich die nach Brasilien verlockten Bauern in den Kaffeepflanzungen unter den Halbpachtverträgen derart ausgebeutet wurden, dass Preussen im Jahre 1859 durch das sog. von der Heydt'sehe Reskript die Auswanderung dorthin überhaupt verbot.