Altneuland
- Journal
- Altneuland
- Volume
- 2 (1905)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1905)
- Article
- Deutsche Kolonisations-, Wirtschafts- und Kulturbestrebungen im türkischen Orient
- Date
- 1905-06-01
- Page
- Seite 168 (sequence 8)
- Language
- German
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— 168 — Zeugnis des dortigen deutschen Vizekonsuls keine einzige wirklich unterstützungsbedürftige. Trotzdem kann man von einem grossen Erfolg dieser Siedelungen nicht sprechen. Wenn nicht das deutsche Konsulat die Leute andauernd kräftig gegen Uebergriffe der türkischen Beamten unterstützte, und auch das Bewusstsein. dass diese Dörfer grossen Rückhalt an der deutschen Regierung finden, schon an sich die Nachbarn und Beamten von Willkürakten zurückhielte, so wäre es den Ansiedlern auch nicht möglich gewesen, zu dem bescheidenen Wohlstand, dessen sie sich erfreuen, zu~~gelangen. Dazu kommt noch, dass die deutschen, wie überhaupt die fremden Untertanen infolge der internationalen Vereinbarungen in mancher Hinsicht weit besser gestellt sind als die Türken selbst. Sie zahlen nur als Grundbesitzer oder vom Handel und Gewerbe direkte Steuern, sie unterstehen weder der türkischen Polizei noch den türkischen Gerichten. Dennoch erforderte es äusserst langwierige Verhandlungen, bis die Landfragen endgültiggeregelt werden konnten, d. h. als Privateigentum, mülk, anerkannt wurden, und es ist vor allem der politischen Konstellation, d. h. der Freundschaft zwischen der Türkei und Deutschland zu danken, dass die Regelung für die Kolonisten so günstig ausfiel. So ist es denn auch verständlich, dass die neu angelegte Kolonie Wilhelma, die jetzt ca. 20 Wohnhäuser und 100 Einwohner besitzt, nicht mit Ersparnissen der Kolonisten begründet werden konnte, sondern es hatte sich zum Zweck der Koloniegründung auf Anregung des Freiherrn von Ellrichhausen1) im Jahre 1899 ein Komitee zur Förderung der deutschen Ansiedelungen in Palästina gebildet, das sich bestrebte, die dem Kolonisten gegen billige (4%) Verzinsung und (4%) Amortisation zu leihenden Kapitalien aufzubringen. Trotz jahrelanger Bemühungen, trotz Unterstützung seitens des Deutschen Kaisers und des Königs von Württemberg, sowie der Beihilfe der Deutschen Kolonial-Gesellschaft besass diese Gesellschaft im September 1904 erst ein Stammkapital von 188 000 M. Schon hieraus erkennt man, dass von einer Kolonisation in grossem Stile in Palästina seitens der Templer nicht die Rede sein kann. Zuzug aus Deutschland fehlt so gut wTie ganz, zumal da die nur ca. 3000 Seelen umfassende Tempel-!) Siehe seine „Erinnerung an die Pilgerfahrt in den Orient", Stuttgart 1899, Verlag von W. Kohlhammer.