Altneuland
- Journal
- Altneuland
- Volume
- 2 (1905)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1905)
- Article
- Deutsche Kolonisations-, Wirtschafts- und Kulturbestrebungen im türkischen Orient
- Date
- 1905-06-01
- Page
- Seite 166 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 166 — Es mag hierbei betont werden, dass nach den Erfahrungen, die seit Gründung des Deutschen Reiches vorliegen, die äussere Politik Deutschlands eine der stetigsten ist, die es gibt, da der Parlamentarismus kaum Einfluss auf dieselbe hat, und auch die seltenen Aenderungen in der höchsten Leitung der Politik fast nie einen Wechsel in den grundlegenden Ansichten der massgebenden Stellen zur Folge haben. Auch die öffentliche Meinung ist in Deutschland im Vergleich mit den südeuropäischen Ländern recht stetig und konsequent; neue Ideen, auch in der Kolonialpolitik, brechen sich nur langsam, und allmählich Bahn, und lassen sich meist schon jahrelang, bevor sie ein Allgemeingut des Volkes werden, erkennen. Derjenige also, der einerseits die geschichtliche Entwickelung der deutschen Kolonisationspolitik im Orient kennt, und andererseits Fühlung hat mit den hierfür massgebenden Kreisen der öffentlichen Meinung, wird den Gang auch für die nähere Zukunft einigermassen voraussehen können, natürlich vorausgesetzt, dass nicht stürmische politische Ereignisse völlig andere Konstellationen schaffen und die Fundamente der Politik von Grund aus verändern. Deutsche Kolonisationsbestrebungen im türkischen Orient. Betrachten wir zuerst die deutschen Kolonisationsbestrebungen im türkischen Orient, so finden wir, dass sie auf zwei ganz verschiedenen Grundlagen, auf religiösen und auf wirtschaftlichen, beruhen. Was die von religiösen Ideen ausgehende Kolonisation betrifft, so waren die Deutschen zwar nicht die einzigen, aber nächst den Juden die einzigen erfolgreichen Kolonisatoren im Orient. Selbstverständlich sind hiermit die württembergischen ,,Templer" oder „Jerusalemsfreunde" gemeint, jene 1860 von W. und Chr. Hoffmann begründete, auf das Urchristentum zurückgehende und daher judaisierende Sekte, welche die Dreieinigkeit, die Gottheit Christi, die unbefleckte Empfängnis und die Wiederauferstehung des Fleisches leugnet und ihre Religion auf den Weissagungen der Propheten des Alten Testamentes aufbaut. Nachdem die Templer zu der Ansicht gelangt waren, dass sie ihre Idealgemeinde zuerst im „Lande der Verheissung" erproben müssten, um von da aus dann die Kirchen der gesamten Welt zu reformieren, gründeten sie in den Jahren 1869—1873