Altneuland
- Journal
- Altneuland
- Volume
- 2 (1905)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1905)
- Article
- Deutsche Kolonisations-, Wirtschafts- und Kulturbestrebungen im türkischen Orient
- Date
- 1905-06-01
- Page
- Seite 165 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 165 — schaftlichen Interessen der Engländer und der Franzosen im Gebiet des Türkischen Reiches noch immer erheblich grösser als die wirtschaftlichen Interessen der Deutschen. Von einer wirtschaftlichen Okkupation der Türkei durch die Deutschen kann keine Rede sein, und wenn der Berichterstatter des Pester Blattes sogar eine politische Okkupation der Türkei durch die Deutschen in Aussicht stellt, so gehört er entweder zu den Feinden des Deutschen Reiches und sucht es zu verdächtigen, oder aber zu jenen gefährlichen Freunden, gegen die das Sprichwort den lieben Gott zu Hilfe ruft." Wir brauchen die vielen Märchen der Schilderung des Pester Blattes hier nicht aufzudecken, es sei nur erwähnt, dass mit dem deutschen Bankhaus wohl die kleine Palästinabank mit ihren zwei Filialen gemeint ist, dass die Kohlenbergwerke von Heraklea kleinenteils wohl von französischen, aber durchaus nicht von deutschen Gesellschaften ausgebeutet werden, dass es sich bei den 100 deutschen Kapitalisten, die in Konstantinopel eingetroffen sein sollen, um eine harmlose Vergnügungsfahrt des Norddeutschen Lloyds gehandelt hat. Was an der sog. ,,deutschen Invasion4' Wahres ist, ersieht man am besten daraus, dass in dem gesamten Türkischen Reiche, also inklusive der europäischen Türkei, nur ca. 15 000 Deutsche leben; inbegriffen sind dabei also die grossen deutschen Kolonien in -Konstantinopel und Saloniki, ferner die 1500 Seelen umfassenden 5 schwäbischen Ansiedlungen in Palästina, sowie die immerhin nicht ganz unbedeutende Zahl der unter deutschem Schutz stehenden Eingeborenen; Syrien und Palästina zusammen dürften noch keine 5000 Deutsche, also ohne die Eingeborenen und die schwäbischen Kolonisten, wohl kaum 2500 Deutsche beherbergen, Kleinasien wohl auch kaum eine grössere Zahl. Da aber in dem oben wiedergegebenen Artikel, wie auch sonst häufig in der ausländischen Presse, die Befürchtung ausgesprochen wird, dass Deutschland, aufbauend auf den Erfahrungen der Templerkolonien in Palästina und im Anschluss an dieselben, das türkische Asien sich als Kolonisationsfeld ausersehen habe, und nur auf den geeigneten Moment warte, um auch politisch sich die nötigen Handhaben hierfür zu sichern, so dürfte es vielleicht an der Zeit sein, die deutsche Orientpolitik, soweit sie sich auf Kolonisation und wirtschaftliche Ausdehnung in Türkisch-Asien bezieht, einer genaueren Betrachtung zu unterziehen.