Altneuland
- Journal
- Altneuland
- Volume
- 2 (1905)
- Issue
- Heft 4 (April 1905)
- Article
- Die Rattenfrage
- Date
- 1905-04-01
- Page
- Seite 126 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2266000-2266015-2266020-2267317--1029-2267363- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 126 — stattfinden. In London und ganz Europa scheinen in den letzten Jahren die Ratten ganz bedeutend zugenommen zu haben. Ihre Bekämpfung wird immer mehr zu einer akuten Frage der Volkshygiene und der Volkswirtschaft. Sollen doch z. B. die Ratten in Dänemark allein jährlich für 15 Millionen Franken Schaden verursachen. In Dänemark entstand 1898 eine Gesellschaft zur Bekämpfung der Ratten, die seit 1902 international wurde. Diese internationale Gesellschaft verfolgt den Zweck, die Kenntnis der durch die Ratten verursachten Schäden allgemein bekannt zu machen und einen gemeinsamen Kampf gegen diesen Nager zu organisieren. Dass dieser Kampf allgemein sein muss, um wirksam zu sein, liegt wohl auf der Hand. Der internationale Kongress, der Ende vorigen Jahres in Brüssel tagte, beschäftigte sich auch angelegentlichst mit dieser Frage, und Dr. Calmette, der Berichterstatter über die Frage der Pestvorbeugung, brachte einen Antrag durch, nach dem eine alljährlich mehrere Male sich wiederholende Vernichtung der Ratten auf den Schiffen obligatorisch wird. Der Vertreter der russischen Regierung auf diesem Kongress, Dr. Freyberg, verlangte sogar, dass der Kampf nicht allein auf den Schiffen angeordnet werde, sondern auch überall auf dem Festlande. Ein im vorigen Jahre erlassenes Dekret des Präsidenten der französischen Republik macht die Vernichtung der Schiffsratten auf den französischen Schiffen obligatorisch. So hat die Bakteriologie vom Standpunkt der Bekämpfung der Menschenseuchen ihr Augenmerk auf die Bekämpfung der Ratten gerichtet. Der erste Versuch der Verbreitung einer tödlichen Seuche unter den Ratten datiert vom Jahre 1902. Aber schon früher entdeckte zuerst Löffler in Greifswald einen Mikroben, der auf dem Wege künstlicher Kulturen gezüchtet werden konnte und unter den Mäusen grosse Verheerungen anrichten sollte. Es war der Löffler sehe Mäusetyphus-Bazillus. Das Institut Pasteur in Paris stellt in der letzten Zeit ein neues Mittel her, das Virus Danysz, von Dr. Danysz entdeckt, welches Mäuse und kleine Feldratten erfolgreich vernichten soll. Mit diesem neuen Mittel wurden in der Charentes Versuche im grossen unter der persönlichen Leitung des bekannten Dr. Roux, Sous-Directeur im Institut Pasteur, angestellt, die überraschende Erfolge aufwiesen. Dr. Roux macht in seinem Bericht an den Landwirtschaftsminister folgende Angaben über das Ergebnis dieser Versuche, die auf einer Fläche von 1200 ha ausgeführt wurden. Es wurden hierbei 1190 Flaschen vom Virus Danysz verwendet, die mit 4200 kg Brot und 9300 kg Hafer vermengt wurden. Die hierfür sowie zum Auslegen des Köders erforderliche Arbeit bezifferte sich auf 1200 halbe Tage (von 1 bis 5 Uhr nachmittags). Das Ergebnis wird von Roux als ein überraschendes bezeichnet: 95 pCt. der Tiere sollen ihr Leben verloren haben. Die Felder wurden mit dem Pflug äufgeackert, und überall fand man tote Feldratten, manchmal in Haufen von 15 bis 20 Stück. Folgender Versuch wurde noch auf einer kleinen Parzelle von 1 ha Grösse angestellt, der besonders deutlich die Wirkung des Virus vorführt. Sämtliche auf der Parzelle, die von Weinbergen umgeben war, vorhandenen Löcher wurden zugeworfen. Zwei Tage später wurden die von den Ratten neu aufgeworfenen Löcher gezählt. Die Zahl war 1304. Nun wurde das Feld mit imprägniertem Hafer behandelt, indem der Köder möglichst in der Nähe der Löcher ausgelegt wurde. Acht Tage später wurden dann die Löcher zugeworfen. Als man nun wieder nach zwei Tagen die Zahl