Altneuland
- Journal
- Altneuland
- Volume
- 2 (1905)
- Issue
- Heft 4 (April 1905)
- Article
- Die Rattenfrage
- Date
- 1905-04-01
- Page
- Seite 125 (sequence 3)
- Language
- German
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- 125 — importiert wurde. Dieses kleine Raubtier versprach ein gefährlicher Feind sowohl den Ratten wie auch den Schlangen zu werden. Und in der Tat war es anfänglich so, wie man es voraussah. Binnen kurzem aber erwies sich das Ichneumon als ein schreckliches XJebel. Es machte sich nämlich bald an das Hausgeflügel heran, es frass die der Landwirtschaft so nützlichen Insektivoren — die Kröten und Eidechsen. Schliesslich zeigte es auch seine herbivoren Fähigkeiten, indem es das Obst und — last not least — das Zuckerrohr selbst angriff, welches es zu retten berufen war. Zweifellos hat das Ichneumon der Insel durch die Vertilgung der Ratten und Schlangen genutzt, es mnsste aber auch selbst bekämpft werden. Dieselbe Erfahrung wurde mit den Mangusten auf den britischen Antillen gemacht, wohin sie vor einigen Jahren ebenfalls von Indien her eingeführt wurden. Jetzt wird auf Trinidad ein Preis für die Vernichtung des Ichneumons gezahlt, ein Preis, der anfangs 1 sh. und jetzt schon 5 sh. pro Kopf ausmacht! Hier sollen gar die Ichneumons, die sich ebenfalls durch eine ausserordentliche Fruchtbarkeit auszeichnen, die Ratten überhaupt nicht mehr angreifen und begnügen sich mit dem Geflügel, Kröten, Eidechsen usw. Es entstand somit eine neue Kalamität und die aus ihr erwachsende Notwendigkeit, gegen sie vorzugehen. Es sei hierbei nicht unerwähnt, dass dieses Uebel, d. i. das Uebergreifen des Ichneumons, von Sagot in seinem „Manuel pratique des cultures tropicales" vorausgesehen wurde. Er empfahl gegen die grenzenlose Vermehrung dieses Tieres seine Aufzucht auf irgend einer kleinen Insel, von wro aus nach den Kolonien nur männliche Tiere nach Bedarf eingeführt werden sollten. Auf ein sehr wirksames Bekämpfungsmittel möchten wir noch hinweisen, welches sowohl auf Martinique, wie auch auf anderen Inseln mit verhältnismässigem Erfolg angewendet wurde. Es ist die Verwendung von Rattenfängern — Hunden, die speziell für die Jagd auf Ratten abgerichtet sind. Rattenjäger — Arbeiter, die aus der Bekämpfung der Ratten ein Geschäft machen — gehen mit Karst und Säbel bewaffnet, mit Koppeln von Rattenfängern auf die Jagd aus. Sobald sie ein Loch bemerken, graben sie die unterirdischen Gänge rasch auseinander, und die Ratten, die nach allen Richtungen sich zu retten suchen, werden von den Hunden erbarmungslos zerfleischt. Abends überbringt der Rattenjäger dem Gutsleiter das Ergebnis seiner Jagd: eine nicht unbedeutende Anzahl von Rattenschwänzen. Er wird je nach Jahreszeit und Häufigkeit der Ratten mit 5, 10 und 15 Centimes pro Ratte bezahlt. . Diese sämtlichen Bekämpfungsmittel aber, sowohl Gifte und Fallen, wie die Anzucht der tierischen Feinde der Ratten (Schlangen, Ichneumons, Eulen. Rattenfänger usw.) haben nirgends einen durchschlagenden Erfolg gehabt. Ihre radikale Bekämpfung, vielleicht auch Vernichtung, sollte der modernen bakteriologischen Wissenschaft vorbehalten bleiben. Nach dieser Richtung hin begegneten sich die Bestrebungen der Volkshygiene mit denjenigen der Landwirtschaft. Pasteur wies darauf hin, dass die Ratte der hauptsächlichste Propagator der Pest ist. Bevor die Pest sich beim Menschen einstellt, befällt sie zunächst die Ratten, welche sie auf ihrer Flucht nach den verschiedenen Gegenden verbreiten, indem sie sich der Schiffsräume zu recht entfernten überseeischen Reisen bedienen. Die indischen Ratten kamen nach London, und die Londoner gingen regelmässig nach Indien. In der letzten Zeit soll aber schon nach einer Mitteilung von Offizieren der Peninsular & Oriental Company nur noch ein Zuströmen von indischen Ratten nach London