Altneuland
- Journal
- Altneuland
- Volume
- 2 (1905)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1905)
- Article
- Petroleumquellen in Mesopotamien [Nachricht]
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 23 (sequence 3)
- Language
- German
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— 23 — Die naphthahaltigen Länder, welche die reichsdeutscbe Anatolische Eisenbahugesellschaft zu erforschen sich rüstet, liegen in Mesopotamien, nördlich von Bagdad. Das Tal des Flusses Kleiner Zab (der linke Nebenfluss des Tigris) und die Gegend gegen Südwesten bis zur Syrischen Wüste sind nach den Berichten des deutschen Forschers Dr. P. Rohrbach buchstäblich mit Naphtha durchtränkt. Die Ergebnisse der in den Jahren 1899 bis 1900 durchgeführten reichsdeutschen Expedition Stemrichs, welche diese Gegenden erforschte, die von der reichsdeutschen Bagdadbahn durchzogen sein werden, bestätigen ebenfalls den ungeheuren Reichtum dieser Länder an Naphtha und dessen Produkten. Die Umgebungen der Städte Kerkuk (200 km nördlich von Bagdad), Tekrit am Tigris und Hit am Euphrat siad auch der einheimischen Bevölkerung als naphthareich bekannt. Besonders von Bedeutung ist die Umgebung von Kerkuk, wo stellenweise das Naphtha aus der Erde emportritt und auch kleinere Sprudel emporjagt. In einigen Bächen ist das Wasser stark mit Naphtha vermischt. Die heimischen Bewohner gewinnen das Naphtha aus seichten Brunnen und gebrauchen es im ungereinigten Zustande, öfters führen sie es aber auch in die benachbarten Bezirke aus. In Baba-Gurgur, unweit von Kerkuk, ist das Erdreich von Naphthagas erfüllt, welches aus allen Oeffnungen im Boden hervordringt. Die gesamte Fläche der naphtahaltigen Länder nimmt einen Raum von rund 60 000 Qaudratkilometer ein. Nach der Ansicht einiger Forscher übertrifft der Reichtum dieser Naphthaquellen beiweitem den Ertrag der russischen Halbinsel Apscheron und des naphthareichen Pennsylvaniens. Die Naphthaquellen in Mesopotamien haben besondere Bedeutung nicht nur wegen ihres Reichtums, sondern auch nach ihrer geographischen Lage selbst. Sie liegen gerade in jener Gegend des Tigris, wo dieser schon schiffbar ist. Die Dampfschiffe auf dem Tigris können bei Hochwasser sogar Mossul erreichen, d. i. 200 km oberhalb der Mündung des Kleinen Zab. Mit der Durchführung der reichsdeutschen Bagdadbahn, welche gerade das Zentrum des naphthahaltigen Rayons durchschneiden muss, werden für das mesopotamische Naphtha neue Wege behufs dessen Absatzes geschaffen. Die Urheber des reichsdeutschen Projekts der Bagdadbahn legen den Naphthaquellen in Mesopotamien sehr grosse Bedeutung bei. Nach ihrer Voraussetzung vermag bei einer weit angelegten Ausbeutung des Naphtha nur die Akzise auf die Naphthaprodukte allein der türkischen Regierung alljährlich grössere Beträge abzuwerfen, als es diejenigen sind, die sie zur Zahlung der Kilometergarantie für die ganze Strecke der reichsdeutschen Bagdadbahn erfordert, deren Bau dann keine Schwierigkeiten mehr bereiten wird. Auf diese Art mussten sich die Deutschen, um ihr Projekt auszuführen, um die baldigste Ausbeute der naphthabringenden Länder bewerben. Die Verwaltung der reichsdeutschen Anatolischen Bahn bewarb sich auch darum, doch sehr vorsichtig, um nicht die schädliche Konkurrenz seitens der Unternehmer anderer Nationalitäten hervorzurufen, die ohnehin auch die Konzession auf das mesopotamische Naphtha zu erzielen trachteten. Als ein englisches Syndikat, mit dem Grafen d' Ar ci an der Spitze, von der persischen Regierung die Konzession zur Ausbeutung der Naphthaquellen im Tale des Karunflusses erhalten hatte, hat dies besonders die Deutschen beunruhigt, die schon zu fürchten anfingen, die Engländer könnten bei ihrem Einflüsse in Niedermesopotamien auch die Naphthagebiete in den Wilajets Mossul und Bagdad in ihre Hände bekommen. Aber auch diesmal ist es der reichsdeutschen Anatolischen Eisenbahngesellschaft gelungen, den Sieg davonzutragen. Die Ausbeutung der Naphthaquellen in Mesopotamien durch die deutschen Unternehmer wird allerdings auf die