Altneuland
- Journal
- Altneuland
- Volume
- 1 (1904)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1904)
- Article
- Die Gewinnbeteiligung im landwirtschaftlichen Betriebe [Betrieb]
- Date
- 1904-12-01
- Page
- Seite 367 (sequence 3)
- Language
- German
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— 367 — Fleiss und Sparsamkeit so viel zurückzulegen, um sich ein eigenes Besitztum erwerben zu können, womit sie dem herrschaftlichen Gutsbetriebe dauernd verloren sind. Es ist also ein gesunder Klasseninstinkt und nicht etwa intellektuelle Rückständigkeit, was die Grossgrundbesitzer davon abhält, ein Mittel anzuwenden, das wohl dem einzelnen für einige Zeit, vielleicht sogar auf die Dauer (indem die zur Selbständigkeit übergehenden Arbeiter durch neuen Zuzug ersetzt werden) über die Schwierigkeiten der Leutenot fortzuhelfen imstande ist, das aber auf die Dauer den Ast absägen würde, auf dem der ganze Stand sitzt. Wo dieses Klassengefühl etwa schwach entwickelt ist, da wird es sehr wirksam verstärkt oder ersetzt durch den Boykott der Nachbarn, der den gefährlichen Revolutionär gesellschaftlich isoliert, was auf dem Lande ein nur für Philosophen erträglicher Zustand ist, und wirtschaftlich schwer schädigt, ja, an Leib und Leben bedroht. Der Ehrenkodex und das Duell sind furchtbare Waffen der Klasse gegen den, einzelnen Abtrünnigen, Waffen, deren Schärfe noch durchaus nicht abgestumpft ist, wie traurige Fälle der letzten Jahre in der Provinz Posen wieder gezeigt haben. Man hat nur wenig übertrieben, wenn man von einer Klassen-Kamorra gesprochen hat. Ein solcher Boykott von grösserer oder geringerer Schwere hat so gut wie alle die Neuerer betroffen, die wirklich ernsthaft der sozialen Verfassung des platten Landes an die Wurzel wollten, darunter auch alle Vorkämpfer einer mehr als nur scheinbaren Gewinnbeteiligung. Diese Tatsache dürfte die Zurückhaltung der Landwirte auf diesem scheinbar so viel Erfolge versprechenden Gebiete zur Genüge erklären: hat sich doch sogar der viel harmlosere, mit den geringsten Kosten und Mühen zu erhaltende und dennoch so überaus segensreiche Guts-Konsumverein nur in wenigen Exemplaren durchsetzen können, trotz beredtester Propaganda! Der Klasseninstinkt der Feudalherren duldet nun einmal nicht die kleinste Bresche in der Palissadenreihe. Alle diese Bedenken entfallen natürlich für einen Gross* betrieb, der erstens gerade umgekehrt darauf aus ist, das patriarchalische Verhältnis zwischen Gutsherrn und Arbeitern in ein modern-demokratisches Verhältnis zwischen Arbeitsgenossen zu verwandeln; der keinen stärkeren Bundesgenossen finden zu können glaubt, als eben die durch den Zauber der Arbeit im eigenen Interesse erweckte sittliche Persönlichkeit; und der zweitens nur eine Vorstufe sein will für eine Arbeitsverfassung, in der