Altneuland
- Journal
- Altneuland
- Volume
- 1 (1904)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1904)
- Article
- Harmonische und disharmonische Gesellschaften
- Date
- 1904-07-01
- Page
- Seite 205 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2266000-2266001-2266009-2266620--0448-2266664- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 205 — Neulinge etwa noch errichtet werden müssen, vermehren den Wert des Gutes bekanntlich um sehr viel mehr als ihre Errichtungkostet, so dass für diese Zwecke der Realkredit billig zur Verfügung steht. Ebensowenig existiert für eine solche Genossenschaft ein Kampf um den Absatz. Wir haben schon oben gezeigt, dass zwischen den Landwirten überhaupt kein feindlicher Wettkampf, sondern nur ein friedlicher Wettbewerb statt hat. Es kann niemals vorkommen, dass ein landwirtschaftliches Massenprodukt gänzlich „aus dem Markte fällt", d. h. unverkäuflich bleibt; die Genossenschaft muss wie jeder Produzent den Marktpreis akzeptieren, aber sie erhält ihn auch, und wird dabei besser bestehen können, als der Privatbesitzer, weil sie ihren Mitgliedern noch den vollen ortsüblichen Lohn zahlen kann bei einem Getreidepreis, bei dem der Privatbesitzer schon zusetzt, weil sein persönlicher Bedarf nicht mehr herausspringt; und ferner weil sie, dank der verstärkten Arbeitsleistung und dem verminderten Verschleiss, an sich schon geringere Gestehungskosten hat als der Privatbesitzer. — Nun kann man für die Anfänge einer solchen Genossenschalt allenfalls noch von der Weltmarktkonkurrenz und ihren Schlägen sprechen; wemi aber neue Genossen zutreten, und infolgedessen der Betrieb sich intensiviert, dann wächst die Genossenschaft in schnellem Tempo aus der Marktkonjunktur heraus und wird Herrscherin eines kleineren zahlungskräftigen Marktes für ihre veredelten Produkte. Ebenso günstig steht schliesslich die landwirtschaftliche Genossenschaft dem Kampf um die Arbeitsform gegenüber. Schon an und für sich ist selbst in dem grössten landwirtschaftlichen Betrieb eine Subordination der einzelnen Arbeitskräfte unmöglich, wie sie etwa in einem Walzwerk nötig ist. Das Entscheidende ist aber, dass je mehr die Genossenschaft wächst, um so mehr, im genauen Gegensatz zu den Verhältnissen der Industrie, die einzelnen Arbeitskräfte aus subordinierten zu koordinierten Kräften werden. Wenn auf einer Weizenfarm in Dakota die Arbeiterkolonne immerbin in einer Art von militärischer Disziplin arbeiten kann, so ist eine derartige Subordination bei der Hackfruchtkultur schon völlig unmöglich geworden, und gar beim Gartenbau ist jeder einzelne Arbeiter fast selbständig. Man erkennt, worauf dieser Gegensatz beruht: das künstlichste Kunsthandwerk wird in der Grossindustrie mit