Altneuland
- Journal
- Altneuland
- Volume
- 1 (1904)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1904)
- Article
- Harmonische und disharmonische Gesellschaften
- Date
- 1904-07-01
- Page
- Seite 204 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 204 — Wenn es ihr aber gelingt, an der Skylla vorbeizuschiffen, so fällt sie fast immer in den Rachen der Charybdis, der fast unüberwindlichen Schwierigkeit der Arbeitsordnung. Wenn eine arbeitsteilige Gemeinschaft den Wettbewerb mit der privatkapitalistischen Industrie siegreich bestehen soll, so muss dieselbe straffe Subordination, dieselbe musterhafte innere Arbeitsteilung der Werkstatt geschaffen werden. Hier aber, in der Genossenschaft, ist nicht der Arbeitgeber, sondern ein Arbeitnehmer der Werkleiter; und diejenigen, die gehorchen sollen, sind nicht Arbeitnehmer, sondern die Arbeitgeber. Es hat sich als ein nahezu unlösbares Problem erwiesen, innerhalb der Produktivgenossenschaft die Disziplin der Genossen gegenüber dem von ihnen selbst angestellten und bezahlten Leiter aufrecht zu erhalten. — Und auch diese Schwierigkeit wächst mit der Genossenzahl. Macht es noch kaum Schwierigkeiten, die Arbeitsteilung und Ordnung in einer kleinen Genossenschaft von wenig Mitgliedern aufrecht zu erhalten, weil diese im Kunstgewerbe doch immer in starkem Masse koordiniert sind, so wächst diese Schwierigkeit mit dem Beitritt jedes neuen Genossen, weil in der grossen Industrie die Arbeiter immer mehr zu Teilen der grossen Maschinerie, immer mehr subordiniert werden. Alle diese Schwierigkeiten existieren nicht für die landwirtschaftliche Arbeiterproduktivgenossenschaft. Sie braucht, wenn sie, wie das das natürlichste ist, nicht auf Brachland, sondern auf einem in alter Kultur befindlichen Gute errichtet wird, überhaupt keinen Kredit, und in jedem Falle nur Realkredit, der durch den Wert des Grund und Bodens völlig gedeckt ist, einen Realkredit, der nach der nicht zu bestreitenden Meinung aller Autoritäten sogar besser gedeckt ist, als auf einem Objekte im Privatbesitz, weil die Arbeitsleistung und in Notjahren auch die materielle Leistungsfähigkeit einer Genossenschaft von Landarbeitern beträchtlich grösser ist, als die eines Privatbesitzers. — Treten neue Genossen hinzu, so braucht die Genossenschaft keinen Erweiterungskredit, der irgendwie ins Gewicht fiele. Denn sie geht in dem Masse, wie ihr neue Arbeitskräfte zuwachsen, von extensiveren zu intensiveren Kulturstufen über, vom Kornbau zur Hackfruchtkultur, von der Hackfruchtkultur zum Gartenbau u. s. w. Und für diesen Zweck braucht sie keine anderen Neuanschaffungen als einige Spaten und Hacken. Die Häuschen aber, die für die