Altneuland
- Journal
- Altneuland
- Volume
- 1 (1904)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1904)
- Article
- Harmonische und disharmonische Gesellschaften
- Date
- 1904-07-01
- Page
- Seite 203 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 203 — Masse, wie die Genossenschaft durch Beitritt neuer Mitglieder verstärkt wird. Schon die Gewinnung des nötigen Kredits bei der Begründung macht die grössten Schwierigkeiten. Denn es soll ein Kredit gewährt werden als reiner Personalkredit an unerprobte Teilhaber eines unbewährten industriellen Unternehmens, das in Idem feindlichen Wettkampf der Industrie auf besonders heftige und besonders bösartige Angriffe rechnen muss, weil es einen „sozialistischen'4 Charakter hat. Dass ein solcher Kredit, wenn überhaupt, nur unter den schwierigsten Bedingungen erhältlich ist, leuchtet ein; und daher wird schon die Begründung von industriellen Berufsgenossenschaften mit der wirtschaftlichen Entwicklung immer mehr unmöglich, weil ein immer grösseres Kapital dazu erforderlich ist, konkurrenzfähig auf den Markt zu treten, und weil ein solches Kapital natürlich von Arbeitern weder durch Ersparnisse aufgebracht, noch auf dem Wege des Kredits beschafft werden kann. — Dieselben Schwierigkeiten wiederholen sich bei dem Zutritt neuer Mitglieder: für die Beschaffung der Arbeitsplätze, der Werkzeuge, der vermehrten Rohstoffe und der Maschinerie, die bei grösserer Arbeitsteilung innerhalb der Werkstatt anwendbar wird, sind prozentual immer wachsende Kapitalien nötig, deren Beschaffung immer aussichtsloser wird. Wenn es aber wirklich geglückt, durch die Hilfe von Philanthropen oder durch den Opfermut der Arbeiterschaft u. s. w. die nötigen Kapitalien für die Begründung einer industriellen Produktivgenossenschaft zu gewinnen, so droht die Skylla der Absatzschwierigkeiten. Die Konkurrenz der Privatkapitalisten stürzt sich auf die junge Genossenschaft mit noch viel grösserer Wut als auf eine neue konkurrierende Privatfirma und sucht sie mit allen Mitteln des Wettkampfes zu vernichten. Nur Genossenschaften von hochqualifizierten Kunsthandwerkern, die einen lokalen Markt versorgen, haben im allgemeinen bisher diesem Wettbewerb standhalten können; nur für solche, die schon im kleinen beginnen können, ist ja auch der nötige Kredit allenfalls zu erhalten. Wenn aber eine solche Genossenschaft floriert und sich durch den Zutritt neuer Mitglieder verstärkt, dann genügt ihr der kleine lokale Markt nicht mehr; sie muss weiteren Absatz suchen, und wächst damit immer mehr in den wütenden Kampf der grossen Marktkonkurrenz hinein, dem sie dann in fast allen Fällen erliegt.