Altneuland
- Journal
- Altneuland
- Volume
- 1 (1904)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1904)
- Article
- Das Trachom in Palästina
- Date
- 1904-06-01
- Page
- Seite 164 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 164 — hautgeschwüre, doch auch Nekrose derselben, grauer Star eintritt, und auch in Jerusalem sieht man, wenn auch seltener als in Aegypten, Blinde und Einäugige. Der amerikanische Arzt, Prof. Post (1868), berichtet auf Grund seiner Studien in Beirut, dass die Augenentzündungen in Palästina durch den Staub, das grelle Sonnenlicht, aber auch die Tätigkeit der Pfuscher oft verschlimmert würden. Bernhard Neumann (1877), der lange Jahre hindurch in Palästina ärztliche Erfahrungen gesammelt hat, weist Palästina bezüglich der Verbreitung des Trachoms die Mittelstellung zwischen Aegypten und den nördlichen Ländern an. Er bestätigt die Beobachtung, dass die grosse Zahl der Blinden und Halbblinden nicht immer der Heftigkeit der Infektion zuzuschreiben ist, sondern auch der Vernachlässigung der Krankheit oder ihrer Behandlung mit schädlichen Volksmitteln oder durch herumreisende Pfuscher. Eigenartig ist das Vorurteil der Eingeborenen, dass der europäische Arzt von Augenheilkunde nichts verstehe.*) Selbstredend gibt es in Jerusalem neben der trachomatösen auch die einfache katarrhalische Bindehautentzündung. Neumann hat alle möglichen Formen der nach Trachom eintretenden Folgezustände beobachtet: die verschiedenartigsten Lidverkrümmungen und Falschstellungen der Wimpern, Hornhautgeschwüre und -Flecke, Pannus, grauer Star, Staphylom, Atrophie des Auges. Nach seiner Ansicht ergreift das Trachom die Ausländer leichter als die Palästinenser. Die auch hier wiederkehrende Angabe, dass der Sommer das Auftreten von Trachom begünstige, könnte dazu verleiten, dem Sonnenlicht eine allzu grosse Bedeutung bei der Verbreitung des Trachoms beizumessen. In dieser Beziehung ist eine Angabe von Wert, die Lortet in seinem grossen französischen Werke über Syrien (1884) macht. Als Beweis dafür, dass in allererster Linie die schlechten hygienischen Verhältnisse, nicht aber die starke Belichtung in Betracht kommen, führt er die Beobachtung an, dass unter den Fellahen, die in der Sonne auf den Feldern arbeiten, die Augenentzündungen „infiniment plus rares" auftreten, als unter den Juden, die in schlechten hygienischen Verhältnissen leben. Dass die Ansteckung in den besser situierten Familien seltener erfolgt als unter der ärmeren Bevölkerung, wird für Palästina bis in die neueste Zeit bestätigt. Wie sehr diese Verhältnisse auf die Kolonisation Palästinas *) In der neueren Zeit ist hierin ein vollständiger Umschwung zu verzeichnen. Die Eingeborenen unterziehen sich, gern der Behandlung der europäischen Aerzte, insbesondere bei Augenkrankheiten, und bringen ihnen grosses Zutrauen entgegen. D. Red.