Altneuland
- Journal
- Altneuland
- Volume
- 1 (1904)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1904)
- Article
- Gross- und "Klein"-Kolonisation
- Date
- 1904-05-01
- Page
- Seite 132 (sequence 4)
- Language
- German
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— 132 — Die bei der Besiedlung ihrer grossen Gebiete interessierten Länder, wie Brasilien, Mexiko, Chile, Peru versuchten Gross1 kolonisation zu treiben. Sie entsandten ihre Agenten nach Ländern, wo entweder eine Uebervölkerung oder ungünstige wirtschaftliche und politische Verhältnisse auswanderungslustige Elemente vermuten Hessen. Die Regierungen dieser dünn besiedelten Länder, für die ein Zufluss arbeitsamer, produktiver Elemente von ausserordentlichem Werte ist, gewährten am Anfang ihrer Kolonisationsversuche den Immigranten freie Schiffspassage, Ackerland, Baumaterial, Arbeitstiere, Ackergeräte und Verpflegung. Doch selten gelangen die auf diese Weise unternommenen Siedlungen. Meist war das Geld nutzlos vergeudet worden. Ein so genauer Kenner der südamerikanischen Kolonisation, wie Prof. Dr. K. Kaerger äussert sich über die Ergebnisse dieser Versuche in Chile wie folgt*): „. . . Die Anzahl der Kolonisten, die ihrerseits die übernommenen Verpflichtungen (Bau eines Hauses, Bestellung eines Feldes von bestimmter Grösse, später Rückzahlung der Vorschüsse) nicht erfüllt und nach Aufhören der Vorschüsse ihr Land, ohne an die Abbezahlung der Schulden zu denken, verlassen haben, ist eine sehr grosse gewesen. Zum Teil liegt das an der Kolonisationsmethode, die den mit den Eandesverhältnissen, der Arbeit der Urbarmachung und den hier anzuwendenden Ackerbaumethoden unbekannten Einwanderer sofort zum selbständigen Landbesitzer macht, statt es ihm zu ermöglichen, erst einige Jahre die Landesverhältnisse ohne eigenes wirtschaftliches Risiko kennen zu lernen, und die ihn, wenn er nicht ein sehr fleissiger und gewissenhafter Mensch ist, durch die Gewährung des Lebensunterhaltes zur Faulheit verführt, zum Teil auch daran, dass die Agenten in Europa unter den Auswanderungslustigen eine schlechte Auswahl getroffen, insbesondere zahlreiche Städter zugelassen haben" usw. Goldene Worte, die jeder Kolonisator seinem Gedächtnis einprägen sollte! Die Regierungen begannen alsbald die Unzweckmässigkeit ihres Vorgehens einzusehen. Sie gewährten immer weniger Vorschüsse, die Ueberfahrt wurde nur zur Hälfte, in neuerer Zeit überhaupt nicht mehr bezahlt.' Auch das Land wurde in immer geringerem Ausmasse umsonst abgegeben. Sie lernten eben einsehen, dass Grosskolonisation nicht „gemacht" wird, dass vielmehr *) Prof. Dr. Karl Kaerger: Landwirtschaft und Kolonisation im spanischen Amerika. 2. Band, S. 72. Leipzig: Dimcker & Humblot 1901.