Altneuland
- Journal
- Altneuland
- Volume
- 1 (1904)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1904)
- Article
- Gross- und "Klein"-Kolonisation
- Date
- 1904-05-01
- Page
- Seite 131 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- Tunis 1× ep/1048155
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— 131 — „systemlosen" (der sogenannten „Klein ^Kolonisation) bezeichnet werden müsste. Wenn wir uns die kolonisatorischen Bestrebungen der europäischen Völker im letzten Jahrhundert genauer ansehen, so finden wir, dass hierbei nur in seltenen Fällen das ethnische Moment derart in den Vordergrund trat, wie es bei uns Juden der Fall ist. Meist handelt es sich hierbei um Kultivationsgebiete, d. h. solche Gebiete, die sich durch ihre besonderen Naturbedingungen, weil meist in den tropischen Zonen gelegen, dem Europäer als Objekte der Ausbeutung ihrer natürlichen Reichtümer durch die Arbeit der Eingeborenen darbieten. Der Europäer bringt dabei nur seine Intelligenz und die materiellen Hilfsmittel, nie aber seine körperliche Arbeit in Anwendung. Derart sind die englischen, deutschen, französischen und belgischen Kolonien in Afrika mit Ausnahme der nördlichen und südlichen, der subtropischen Zone angehörenden Gebiete (Algier, Tunis, Aegypten im Norden, Deutsch-Südwestafrika, Rhodesia, Transvaal, Kapland, Natal im Süden), die indischen Besitzungen Englands, Frankreichs, Hollands, die deutschen Schutzgebiete im Stillen und Indischen Ozean. Wenig zahlreich sind aber die eigentlichen Siedlungsgebiete, d. h. Gegenden, wo der weisse Mann sich durch seiner eigenen Hände Arbeit ernähren kann. Bei diesen Siedlungsgebieten spielt das ethnische Moment die Hauptrolle und nicht allein das wirtschaftliche, wie bei den Kultivationsgebieten; das kolonisierende Volk entsendet seine eigenen Söhne, um das Land zu bebauen und ihm das nationale Gepräge zu geben. Derart waren in den letzten Jahrhunderten die grossen Kolonisationen — in der Tat wahre Völkerwanderungen — der Engländer in Nordamerika und Australien, der Spanier in Südamerika, der Holländer in Südafrika. Hierzu gehören auch die modernen, •erst einige Jahrzehnte alten Siedlungen der Deutschen und Italiener in Brasilien, wie in Südamerika überhaupt, der Franzosen und Italiener in Algier und Tunis. Dabei muss noch bemerkt werden, dass das staatliche Moment bei diesen Siedlungen nicht immer massgebend ist, wie wir es bei der grossen Siedlung der Deutschen in Brasilien sehen können. Noch jetzt ziehen die auswanderungslustigen Deutschen viel lieber nach dem staatlich fremden Brasilien, wo sie schon , einen starken deutschen Stamm antreffen, als nach dem Deutschland gehörenden Schutzgebiet Deutsch-Südwestafrika, welches ebenfalls als Siedlungsgebiet anzusehen ist.