Altneuland
- Journal
- Altneuland
- Volume
- 1 (1904)
- Issue
- Heft 3 (März 1904)
- Article
- Harmonische und disharmonische Genossenschaften
- Date
- 1904-03-01
- Page
- Seite 80 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2266000-2266001-2266005-2266299--0199-2266357- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 80 — Ringe von Wiederverkäufen! zu ihrem ausschliesslichen oder vorwiegenden Nutzen exploitie.rt werden. Ich nenne diese Verbände die disharmonischen Genossenschaften. In jenen, den harmonischen Genossenschaften, herrscht der von den Fanatikern der Kooperation sogenannte „genossenschaftliche Geist", d, h. sie bleiben jederzeit jedem Zutrittslustigen offen, und, ihre Anteile gewinnen niemals Spekulationswert. In diesen aber, in den disharmonischen Genossenschaften, fehlt der genossenschaftliche Geist durchaus; sie gehen meist an ihrem inneren Widerspruch zugrunde; und in den seltenen Fällen, in denen sie gedeihen, hören sie auf, Genossenschaften zu sein : sie unterliegen ohne Ausnahme dem von mir sogenannten „Gesetz der Transformation", wonach sie sich gegen Zutrittslustige sperren, statt neue Mitglieder zu gleichen Rechten aufzunehmen, abhängige Arbeitskräfte exploitieren, und wonach ihre Anteile Spekulationswert erhalten. Ich habe diesen polaren Gegensatz der Entwicklung in meiner „Siedlungsgenossenschaft" (Berlin .1896) restlos aus den psychologischen Existenzbedingungen der beiden Genossenschaftsarten ableiten können. Hier mögen'nur die wichtigsten Sätze Raum finden: „Weil das Interesse des einzelnen Verkäufers zu dem aller anderen Verkäufer im schärfsten Gegensatz steht, gedeihen Verkäufergenossenschaften nirgends. Dort, wo alle Einzeltropfen von derselben Kraft nach derselben Richtung getrieben werden, sehen wir die klare Flut, den glatten, kaum gefurchten Spiegel eines Stromes. Der Konsumverein kennt nur ausnahmsweise ernste Organisationsschwierigkeiten. Und wenn sie erscheinen, so ist es meist nicht inneren, sondern von aussen einwirkenden Ursachen zuzuschreiben : menschlicher Verschuldung, Schwäche, Rechthaberei oder verbrecherischen Handlungen. In den Verkäufergenossenschaften aber, wo alle Einzeltropfen von allen Richtungen her gegen einander gepeitscht werden, sehen wir das Bild des Strudels. Die Verkäufergenossenschaft ist den Schwierigkeiten der Organisation überall verfallen. Und wenn sie hier erscheinen, so ist es in der Regel nicht menschliche Verschuldung, sondern fast stets der zutage tretende Zwiespalt der inneren Einrichtung. Dort, wo alle Interessen solidarisch sind, wird sich die Eintracht und Brüderlichkeit, der sogenannte „genossenschaft-