Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 2
- Article
- Ferdinand Lassalles Tagebuch (1840)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 288 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2259275-2259319-2259322-2265022--2152-2265222- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
288 Miscellen. stehen. Er wird besser, theils weil die gewohnte Veranlassung zum Bösen geschwunden ist, theils aber auch, weil die Sehnsucht nach einer geordneten Lebensweise, nach redlichem Thun in ihm lebendiger wird. Er wird ein besserer Schüler als ehedem, obgleich er immer noch lasterhafte Neigungen zeigt und von der krankhaften Anschauung geplagt wird, daß er von den Lehrern schlecht behandelt, von einigen geradezu als Gegenstand erbitterter Verfolgung betrachtet werde. War in Breslau die Abneigung gegen das Lernen überhaupt bei ihm vorherrschend, so in der Leipziger Zeit das Erlernen der Handelsgegenstände. Denn er fühlte sich zum Kaufmann nicht geboren. Sein Sinn ist auf Höheres gerichtet. Wenn er jetzt Klassiker liest, so wählt er nicht mehr Wieland, sondern Goethe und findet in der Lectüre dieser Werke, deren Registrirung er häufig mit beurtheilenden Bemerkungen begleitet, Parallelen mit sich. In „Wilhelm Meister" meint er sich und sein Geschick dargestellt zu sehen. Aber der wesentlichste Unterschied zwischen der Breslauer und der Leipziger Zeit ist doch der, daß das Streben des Jünglings ein reicheres, schärferes, deutlich erkennbares wird. Die Freiheitsarbeit des Mannes bereitet sich vor. Ju schwülstigen Worten noch, ohne deutliche Erkenntniß des Zieles, aber doch in allgemeinen Umrissen gestaltet sich das künstige Wirken des Freiheitsfreundes und des Kämpfers für den vierten Stand. In diesem noch unklaren, allmählich klarer werdenden Empfinden des jungen Mannes spielt das Gefühl des Juden seine Rolle. Der wohlbegüterte junge Mann sieht nur von fern die Leiden seiner Volksgenossen, für die er später beredt und thatkrästig eintrat; der Jude fühlt im eignen Herzen, wenn auch nicht am eigenen Leibe, die Bedrückung seiner Glaubensgenossen. Ungemein charakteristisch ist die Art, wie er sich über dieselben ausspricht. Am 21. Mai notirte er Folgendes in sein Tagebuch, nachdem er die Nachrichten über die Juden in Damaskus vernommen: „O, es ist schrecklich zu lesen, schrecklich zu hören, ohne daß die Haare starren und sich alle Gefühle des Herzens in Wuth verwandeln. Ein Volk, das dies erträgt, ist schrecklich, es räche oder dulde die Behandlung. Wahr, fürchterlich wahr ist folgender Satz des Berichterstatters: „Die Juden dieser Stadt erdulden Grausamkeiten, wie sie nur von den Parias der Erde ohne furchtbare Reaction ertragen werden können". Also sogar die Christen wundern sich über unser träges Blut, daß wir uns nicht erheben, nicht lieber auf dem Schlachtfeld als auf der Tortur sterben wollen. Waren die Bedrückungen, um deren willen sich die Schweizer einst erhoben, größer? Gab es je eine Revolution, welche gerechter wäre, als die, wenn die Juden in jener Stadt aufstünden, sie von allen Ecken anzündeten, den Pulverthurm