Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 2
- Article
- Ferdinand Lassalles Tagebuch (1840)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 286 (sequence 3)
- Language
- German
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286 Miscellen. Schon in dieser Unterhaltung wird der Name Abraham Geigers erwähnt. Er spielt in den Tagebuchaufzeichnungen überhaupt eine ziemliche Rolle. Es ist daran zu erinnern, daß mein Vater seine Breslauer Wirksamkeit im Jan. 1840 begann und wie bekannt durch seine Predigten, seine seelsorgerische und wissenschaftliche Thätigkeit außerordentliches Aufsehen und nachhaltige Wirkung erregte. (Vgl. A. Geigers Leben in Briefen S. 110 ff.) Ich finde nicht, daß die von Lindau gegebene Charakteristik meines Vaters „der sehr kluge, unterrichtete und des Wortes in hohem Grade mächtige Rabbiner vr. Geiger" (Einleitung S. 27) für diese epochemachende Breslauer Periode genügt. Von den drei hervorgehobenen Eigenschaften war es höchstens die oratorische Bedeutung, welche für jene Zeit wirksam war; Klugheit und Gelehrsamkeit dagegen waren es weit weniger als Feuereifer, sittlicher Ernst, Begeisterung, das tiefe Durchdrungensein von der reformatorischen Thätigkeit, welche die Geister und Herzen ergriff und mit sich fortriß. Die fernere Behauptung Lindaus, daß mein Vater „zu den intimsten Freunden des Lassalleschen Hauses gehörte" muß ich bezweifeln. In den vorliegenden Tagebuchaufzeichnungen L.'s wird der Name meines Vaters als Gast des L.schen Hauses niemals erwähnt, ich erinnere mich nicht davon gehört zu haben, daß ein gesellschaftlicher Berkehr zwischen L.'s und meinen Eltern stattgefunden hat. Aus der Zeit von 1854 an, da meine persönlichen Erinnerungen beginnen, kann ich positiv versichern, daß keinerlei geselligen oder gar intimen Beziehungen zwischen jenem und unserm Hause bestanden; irgend eine Aeußerung meines Vaters, die darauf schließen ließe, er habe in der ersten Zeit seiner Breslauer Thätigkeit den jungen Ferdinand und seine Familie näher gekannt, habe ich niemals gehört. Lassalle erwähnt meinen Vater häufig. Er notirt, wenn er am Sonnabend krank ist und nicht in die Synagoge gehen kann; er gedenkt einer rührenden bei einer Trauung gehaltenen Rede Geigers; er spricht häufiger von Predigten, die von ihm oder den Seinigen besucht wurden. Nur einmal giebt er eine genauere Analyse; man wird es mir nicht verargen, wenn ich sie hier wörtlich folgen lasse. „Wir traten in das Gotteshaus. Eben hatte Geiger die Kanzel betreten, und nach einem kurzen Gebet für sich sprach er mit salbungsvollem Ton die Worte seines Textes: „Herr, so wir einen Bau unternehmen, und Du segnest ihn nicht, was sollte es da für ein Bau werden!" zc. und setzte nun auseinander, daß dies wohl von jedem Bau gemeint sei, der in die äußere Erscheinung tritt, wie auch von jedem Bau, den wir in unserm Innern unternehmen. „In eurem Innern sollt ihr dem Herrn Tempel bauen." Darauf kam er auf die Worte der Schrift: „Das ist ein Tisch