Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 2
- Article
- Ferdinand Lassalles Tagebuch (1840)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 285 (sequence 2)
- Language
- German
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Miscellen. 285 nachdem er dessen „Musarion, Grazien, verklagten Amor" gelesen. Er schrieb: „Dieser alte wollüstige Wieland, dieser Schäker, dieser verliebte, der eine Busenrundung über alles schätzt! Die Leute sagen immer, man solle die schlechten Romane hassen und nur Classiker lesen. Und nun lese einer den gediegenem Wieland ob der nicht schlüpfriger ist, als der ärgste Roman von Paul de Kock". So wenig erfreulich das Bild ist, das der Tagebuchschreiber von sich selbst entwirft, so wenig erfreulich ist auch der Eindruck seiner nächsten Umgebung. Zwar erscheint der Vater als ein würdiger Geschäftsmann, fleißig und thälig, rührend in seiner Zärtlichkeit für den Sohn aber von maßloser Heftigkeit und zu kleinlichen Zankscenen geneigt; die Mutter ist ein Hausdrache, zänkisch, vergnügungssüchtig, dem Spiel ergeben; die Tochter läßt es gar sehr an Respect gegen die Eltern fehlen und spielt in häuslichen Scenen eine nichts weniger als angenehme Rolle. Der Grund, weswegen an dieser Stelle von dem Tagebuch Notiz genommen wird, ist der, daß dasselbe uns in das jüdische Leben der damaligen Zeit einführt. Der Schreiber der Aufzeichnungen selbst hat einen ungemein stark ausgeprägten Familiensinn. Er lebt gern und viel mit seinen Verwandten. Obwohl er die Fehler seiner Nahen und Nächsten erkennt, erhebt er ihre Vorzüge und zieht sie anderen Fernerstehenden vor. Er liebt seinen Vater schwärmerisch und jammert, daß er diesem von ihm so verehrten Manne durch seine schlechten Streiche Kummer verursacht, Thränen auspreßt. Die Art, wie er einmal durch leidenschaftliches Wuthgebrüll die schreiende Schwester zur Ruhe zwang, nur damit der Vater nichts hört, hat etwas Großartiges an sich. Er schildert gewisse jüdische Sitten: das offene Verhandeln über die Mitgift, das Heirathsvermittlungswesen. Er bedient sich, obwohl er im Allgemeinen gutes Deutsch schreibt, mancher hebräischer, jüdisch-deutscher Ausdrücke und Sprüche. Er ist ferner ein eifervoller Jude. Einmal spricht er mit einem Freunde (2. Febr.) über Judenthum. Lassalle schreibt: „Er wunderte sich, daß ich mich so des jüdischen Glaubens annehme. Der Esel! Als wenn man nicht Lreife essen und doch ein guter Jude sein könnte. Ich sagte ihm dies und in der That ich glaube, ich bin einer der besten Juden, die es giebt, ohne auf das Ceremonialgesetz zu achten. Ich könnte wie jener Jude in Bulwers „Leila" mein Leben wagen, die Juden aus ihrer jetzigen drückenden Lage zu reißen. Ich Würde selbst das Schaffet nicht scheuen, könnte ich sie wieder zu einem geachteten Volke machen. O. wenn ich meinen kindischen Träumen nachhänge, so ist es immer meine Lieblingsidee, an der Spitze der Juden, mit den Waffen in der Hand sie selbständig zu machen".