Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 2
- Article
- Ferdinand Lassalles Tagebuch (1840)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 284 (sequence 1)
- Language
- German
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284 Miscellen. 9. Ferdinand LaMes Tagebuch (1840). I. Paul Lindau veröffentlicht in der von ihm geleiteten Zeitschrift „Nord und Süd" (April 1891) den ersten Abschnitt des Lassalle'schen Tagebuchs unter der Ausschrift „Schüler-Leid und -Lust in Breslau. Januar bis Mitte April 1840". Daß er mit dieser Veröffentlichung seinem Helden einen Dienst erwies, wird kein Mensch behaupten. Der jugendliche für sein Alter (er war damals 15 Jahre alt) überreife Tagebuchschreiber, war ein kluger, wie seine Altersgenossen und älteren Freunde und Feinde ihm zugestehen, genialer Junge. Nettere Leute suchen ihn gern aus und versichern ihn ihrer Freundschaft. Man rühmt seine Unterhaltung, man prophezeit ihm eine große Zukunft. Alle solche Lobsprüche haben auf den jungen Menschen einen derartigen Einfluß, daß er sich mit seinen Kameraden vergleicht und sich den größten Borrang vor denselben zugesteht. Dabei aber war er, wie er durch die wohlgefällige Mittheilung dieser ihm gespendeten Lobesworte beweist, ungemein eitel, unverträglich, spielwüthig, herrschsüchtig. Er war durch und durch unmoralisch. Er verkauft Schulbücher, um Geld für seine Privatausgaben, Näschereien und Spielvergnügungen zu erlangen. Er betrügt seine Kameraden um Geld; täuscht seinen Vater, den er dabei zärtlich liebt, und seine Lehrer, denen er theilweise mit einer bei begabten aber faulen Schülern nicht ungewöhnlichen Abneigung gegenüber steht, dadurch, daß er sich die Censuren („Conduiten") selbst unterschreibt, bis der Betrug endlich, unmittelbar vor seinem Verlassen der Breslauer Schule, entdeckt wird; versäumt die Schule, treibt sich während der Schulzeit in Cafshäusern herum, oder bei seinen in Comptoiren angestellten Genossen, mit denen er spielt oder denen er im Fluge die Einzelheiten geschäftlicher Thätigkeit ablernt; fängt Liebeleien an, obwohl die eigentliche Sinnlichkeit bei ihm noch keine Rolle spielt, oder giebt älteren Männern Rathschläge, sich die Gunst der Frauen zu erwerben. Statt seine Schulbücher zu lesen verschlingt er Romane; während der Vater ihm nur lateinische und griechische Bücher in die Hand Neben möchte, weiß der Sohn für „August" und „Zumpt" bessere Verwendung bei einem gutmüthigen Antiquar. Man höre nur, wie der Junge sich über seinen Vater luftig macht, der ihn von Shakespeare ab und zu Homer drängen will, weil dieser — griechisch geschrieben sei, und wie er die Einwirkung des großen Dichters auf Herz und Geist, auf Anschauung und Moral erhebt. Dagegen halte man, wie er von Wieland spricht,