Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 2
- Article
- Aus L. Zunz' Nachlaß
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 244 (sequence 22)
- Language
- German
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244 Neue Mittheilungen. wenn auch meine Kräfte erstarkt sind, und ich es wagen darf, ihm nachzueifern, in nähere Berührung zu kommen. Nicht sowohl die Gelehrsamkeit und die Bekanntheit in den jüdischen Schriften, als vielmehr die Gründlichkeit, die selbst das Kleinste für nicht zu geringe achtet, gepaart mit der Tiefe, die sich nicht begnügt mit Aneinanderreihung einzelner Thatsachen, sondern ihren wissenschaftlichen Zusammenhang erforscht und den Geist, der vielleicht in einer höchst unscheinbaren, ja lächerlichen Hülle verborgen liegt, hervorzieht, das Interesse für die BlüLhezeit der jüd. Literatur und das Bestreben, deren ausgezeichnete Männer darzustellen zwar nicht in falschem Schmucke, aber auch nicht sie ohne Rücksicht aus Zeit und Verhältnisse bespöttelnd und etwa bloß um aus ihre Blößen aufmerksam zu machen, die Achtung für diese schätzbaren Ueberreste einer eigentümlichen Bildung, die, aus dem Judemhume selbst hervorgegangen, freilich dessen Mängel an sich trägt, aber dennoch in achtbarem Glänze der Originalität dasteht: diese sind es, die den Juden als Gelehrten ehrwürdig machen. Ebenso ist es nicht jenes Bestreben den alten Stamm gänzlich zu entwurzeln und einen neuen an dessen Stelle zu pflanzen, was dennoch niemals gelingt, wo man sich dann mit dem Wegnehmen der am meisten sichtbaren Zweige begnügt, uneingedenk daß man hierdurch den Baum nur ungestalt macht, ohne ihn zu verhindern, daß er dieselben Früchte fortträgt, nicht dieses Bestreben möchte ich im wirkenden Juden als das Höchste achten, sondern das den Baum zu veredeln, seine Wurzeln neu zu beleben, damit daraus neue kräftige und saftvolle Früchte hervorkeimen. Nicht also jenes blinde resormatorische Treiben, durch welches das Aeußere vielleicht aufgestützt wird, das Innere kalt und leer bleibt, sondern das Bemühen, aus dem Judenthum heraus die Judenheit neu und frisch belebt zu gestalten, dünkt mich für den Juden als solchen ehrende Wirksamkeit. — Wenn ich Sie nun als einen solchen Mann erkannt zu haben glaube, werden Sie es mir verargen, daß ich meine Schüchternheit besiegt und mich Ihnen zu nähern wage? — Seit meiner frühesten Jugend beschäftigte mich der Gedanke an Wirksamkeit für religiöses und bürgerliches Leben der Juden, und so oft mich auch meine Gesinnung und äußrer Zwang dem Theologenstande entfremdete, so oft zog mich auch innerer Drang, Hoffnung einstiger Thätigkeit auf dieses Gebiet. Wenn der Kindheit schwankender Sinn bald die wegzu^ räumenden Hindernisse zu groß sand, bald unüberschaubare Hoffnungen hegte: so hat sich im reifern Alter eine gewisse Mitte hergestellt, wo auch die Schwierigkeiten nicht schrecken, glänzende Träume nicht in trunkenem Wahne erhalten. Meine einstige Wirksamkeit als Theologe wird sich bloß