Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 3
- Article
- [Ohne Titel] / L. G.
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 394 (sequence 3)
- Language
- German
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394 Nachrichten Mission neben großen Feldherren und Staatsmännern auch einen Denker gestellt habe, der nur im Gefolge des Philosophen von Sanssouci gewürdigt werden könne und der weniger durch das fortlebt, was er geleistet hat, als vielmehr durch das, was er gewesen ist. „Wem noch die späte Nachwelt die Ehren eines Monumentes gönnt, der ist eine monumentale Persönlichkeit gewesen, und seine Gestalt ist eine typische, seine Bedeutung eine historische geworden, die den Wechsel der Zeiten überdauert". Als einen solchen Typus stellte Lassen den Sohn des Thorarollenschreibers Mendel von Dessau hin, der die aufstrebende Culturmacht des deutschen Geistes vertritt, sofern sie auch das Spröde nnd Widerstrebende in ihren Dienst zu ziehen vermag. „Er vertritt das alles um so mächtiger, als er selber arm und niedrig von Geburt, schwächlich und gebrechlich von Körper, ausgestattet wohl mit scharf eindringender, aber nicht mit glanzvoll hinreißender Geisteskraft, in mühsamem, ausdauerndem Ringen aus dem Schooße einer lange mißhandelten und vom Antheil an dem Geistesleben der Nation ausgeschlossenen Gemeinschaft sich zu lichten Höhen edelster Bildung vorbildlich hindurch gearbeitet hat". Sodann erinnerte der Redner, wie dem armen jüdischen Jüngling, der seinem Lehrer in die Hauptstadt nachgewandert war, mitten im heißen Durst nach allen Bildungsquellen der Nation Lessings Genius begegnet, zu gemeinsamem Ringen und Schaffen, und wie die sokratischen Elemente seines Wesens, seine gefaßte Weisheit und überlegte Mäßigung, seine stille Andacht und sein autodidaktischer Eifer musterhaft wirkten auf Viele, denen er Meister war der spät erlernten deutschen Sprache, Pfleger der Leibniz'schen Gedanken, die er die deutsche Philosophie nannte und in der er die Begabung seiner deutschen Landsleute charaktervoll ausgeprägt fand. Den deutschen Zug in Moses Mendelssohn hob Lassen ganz besonders hervor. Er citirte Moses' Klageruf: „Werden denn die Deutschen niemals ihren eigenen Werth erkennen? Wollen sie ewig ihr Gold für das Flittergold ihrer Nachbarn vertauschen?" Aber er hob auch hervor, wie dem unzünstigen Autodidakten die Wissenschaft Gefäß und Trägerin des höchsten Ideals war und der Weg zur menschlichen Glückseligkeit, die in den Begriffen von Gott, Freiheit, Unsterblichkeit und Tugend beruht. Der Redner fuhr fort: „Es giebt in dem, was er geleistet hat, auch einen bleibenden Kern; und wenn er das Recht und die Macht der Vernunfterkenntniß auch dort bejaht und unterstützt, wo der gewaltige Meister der Vernunftkritik sie verneint, verneint nicht ohne Gefährdung heiliger Interessen, da darf man ihn auch heute noch als gewichtigen und scharfsinnigen Bundesgenossen im ernsten Streite der Geister herbeirufen und mit ihm bedenklich fragen: Kann das Herz glauben, wo