Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 3
- Article
- Aus Briefen Berthold Auerbach's
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 389 (sequence 5)
- Language
- German
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Miseellen. 389 Novellensammlung „Junge Liebe", welche zuerst Stoffe aus deutschem Leben behandelte, ein längeres Schreiben, in welchem es u. A. heißt: „Nicht einmal ein halber Jude kommt da mehr vor, und es ist recht so! Wir deutschen Schriftsteller jüdischen Glaubens sollten immer daran denken, wie ein Fluß entsteht. Unser Quellsprung ist im Judenthum, darum ist es natürlich, daß wir mit jüdischen Stoffen beginnen; das ist das Erste, was wir zu geben haben. Aber das Quellwasser allein kann nur einen kärglichen Bach speisen; wir müssen rechts und links die Bäche aufnehmen aus dem deutschen Volksthum, unter dem, mit dem wir leben, um zu Flüssen zu werden. Ein Fluß besteht aus den Zuflüssen von rechts und links, und aus den Quellen, die ewig verborgen aus dem Grunde seines Bettes aufsprudeln. Mit dem verglichen, will die Quelle oben in den Bergen wenig bedeuten! Daß sie die Quelle ist, muß freilich unvergessen bleiben, sie ist der Anfang, das macht sie bedeutsam; und ehe der Fluß ins Meer mündet, ist sogar ein Gedenken an den Ursprung natürlich. In diesem Sinne soll mein Roman mein letztes Werk sein". Im April 1886 zeigte er mir in seiner Arbeitsstube in der Hohenzollernstraße eine mit Papieren vollgefüllte Lade: „Die Materialien zum Ben-Zion!" sagte er. Freilich, fügte er wehmüthig bei, müsse es nun ein ganz anderes Werk werden. Da jene „Urkunde" zerrissen sei, so könne er auch kein Siegel mehr auf sie drücken. Einen Sieg sollte dies Buch verkünden und nun muß es zum Rüstzeug im Kampfe werden. Kämpfen für alles, was man längst erkämpft geglaubt, und in meinem Alter, mit erlöschender Kraft — oh! das ist bitter. Ich wollte, ich hätte diese Zeit nicht mehr erlebt". Mit größerer Freude und Zuversicht äußerte er sich bis in sein letztes Lebensjahr hinein über seine Memoiren, welche er zuerst „Mein Leben", dann „Erinnerungen" betiteln wollte. Zuerst wollte er nur den eigenen Entwicklungsgang darstellen, also hauptsächlich sein inneres Leben, später gedachte er auch seine Zeitgenossen zu schildern. Wie weit er der Arbeit die zeitlichen Grenzen gesteckt, weiß ich nicht genau anzugeben, aus den Briefen an mich geht nur so viel mit Bestimm mtheit hervor, daß er die Dresdener Zeit, also die Fünfziger Jahre, jedenfalls noch einbeziehen wollte. Meines Wissens wurde nur ein Capitel geschrieben, jenes, in welchem er seine Mutter, eine prächtige, kernige Dorfjüdin schildert; dieses las es mir einmal, auf das Pult gelehnt, über welchem das Bild der alten Frau hing, vor. Eine prächtige Schilderung voll Humor und Gemüth. Sie soll inzwischen gedruckt erschienen sein; wo, weiß ich nicht.