Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 3
- Article
- Aus Briefen Berthold Auerbach's
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 387 (sequence 3)
- Language
- German
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Miscellen. 387 ja selber, daß sein Socialismus nichts mit irgend einer Religion zu thun hat". Aber kurz darauf, im Mai 1881, schrieb er mir: „Ich habe gestern mit X. (einem der hervorragendsten liberalen Abgeordneten des Reichstags) viel über die neuesten auf die Arbeiter bezüglichen Pläne Bismarcks gesprochen, bin aber, wie ich fürchte, gänzlich von ihm mißverstanden worden. Derlei erfahre ich überhaupt in letzter Zeit oft und kann es mir nur daraus erklären, daß ich bei übermäßiger Auslagerung einsamen Denkens, wenn ich zu einer Aussprache komme, hinter derselben zu viele Voraussetzungen liegen habe, die ich nicht ausdrücken kann. So geht's mir nun auch mit dem Staatssocialismus Bismarcks, den er unter der Etikette „Praktisches Christenthum" colportirt. Ich finde eine Lüge oder doch eine werbende Concilianz darin, wenn Bismarck seinen Versuch zum Staatssocialismus so nennt. Bezüglich der Sache aber, die er initiativ versucht, stehe ich im Widerspruche mit meinen absolut negirenden Freunden, denn ich glaube, daß, wenn hier ein Hebel angesetzt werden kann, eine neue, langersehnte Wendung in der Geschichte der Menschen eintreten könnte. Das Problem von Socialismus und Freiheit des Individuums ist dasselbe wie das von Willensbestimmung und Naturbestimmung, oder was die Theologen „Vorsehung" nennen. Der Punkt, wo sich die Beiden durchschneiden und Eins werden, ist schwer zu finden. Es ist aber keine Frage, daß die Berlockerung der Menschheit in freie Individuen nicht das Letzte sein kann; es muß wieder eine Bindung gefunden werden, in der freilich ein Stück individueller Freiheit geopfert werden muß. Nur darf man da aber auch nicht den alten Wein in neue Schläuche füllen. Die Unfallsversicherung, das Bewußtsein, von der Gesammtheit gestützt zu werden, wäre schön, sehr schön, hat aber nichts mit Christenthum und geoffenbarter Religion zu thun; im Gegentheile, da wird ja der Unfall als „Gottes Schickung" gefaßt! Ich kann natürlich nur andeuten, wohin ich ziele. Ich erkenne mit meinen Freunden die Gefährlichkeit des Experiments, und ich kann hier nur wiederholen, was ich bereits in „Schrift und Volk" gesagt: „Man nimmt zu einer Entdeckungsreise nicht ein ganzes Volk mit an Bord!" Aber der Versuch, den Punkt zu finden, wo individuelle Freiheit und Bindung in einer Gesammtheit sich decken, ist hochbedeutsam!" Der Brief scheint mir ein schöner Beweis dafür, wie er sich, trotz des erregten Stammesgefühls, doch immer wieder zu einer rein sachlichen Auffassung der Dinge durchzukämpfen wußte. Freilich, seines jüdischen Ursprungs vergaß er nie und daß ihm derselbe besondere Pflichten auferlege. Als ihm der Großherzog von Baden einen Orden verlieh, der zur