Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden Frankfurts im Fettmilch'schen Aufstand 1612 - 1618
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 357 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2259275-2259324-2259328-2264757--1773-2264816- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Kracauer: Die Juden Frankfurts im Fettmilch'schen Aufstand 1612—1618. Z57 Schlimmste gefaßt. Sie konnten hören, wie Vincenz sich vor dem Friedhofe brüstete, er sei ihr neuer Hamann, er hoffe aber sein Ziel sicherer als jener zu erreichen, da solch fromme Leute, wie Mordechai, nicht unter ihnen seien Das Toben der Menge vermehrte noch die Angst der Eingeschlossenen. Deutlich vernahmen sie, wie man über ihr Schicksal berieth, wie einzelne Stimmen laut wurden, man solle sie sämmtlich niedermetzeln, während andere aus Scheu vor einem Blutbade nur für ihre Bertreibung waren ^). Da es noch unsicher war, welche Meinung den Sieg davontragen würde, so bereiteten sich viele von den Juden wie zum Tode vor; sie legten die Sterbegewänder an, beteten die Sterbegebete u. s. w. ^). Manche hatten schon Vorbereitungen getroffen, Hand an sich selbst zu legen, falls die Menge in den Friedhof dränge. Endlich erfuhren sie aus Fettmilchs Munde Näheres über ihr Schicksal. Im Namen des Ausschusses sagte er ihnen den Schutz auf und gebot ihnen, die Stadt zu verlassen ^), da die Bürger sie nicht länger unter sich dulden wollten; sie vernähmen wohl deutlich, wie man über sie herfallen wolle. In der That wurde ihre Lage mit jeder Stunde kritischer, der Pöbel immer zügelloser. Daher baten sie um die Erlaubniß, sofort ausziehen zu dürfen. Dies wurde ihnen zuerst verweigert. Doch als sich einige Juden Fettmilch zu Füßen warfen und ihn beschworen, die Pforte öffnen zu lassen, gab er endlich nach; er mochte wohl befürchten, daß bei noch längerem Zögern der Pöbel sich vom Blutvergießen nicht zurückhalten lassen würde. So gestattete er um 1 Uhr nachmittags den Auszug. Der Rath hatte ihn ruhig gewähren lassen und somit stillschweigend seine Einwilligung gegeben ^); er hatte nur 8 Musketiere an die Pforte gestellt, um einigermaßen die Ordnung aufrecht zu erhalten. Zur festgesetzten Stunde ward das eine Thor der Judengasse geöffnet. In langen Schaaren, man zählte 1380 Personen, zogen die Juden, zu beiden Seiten von bewaffneten Bürgern escortirt, durch das Fischerfeld^ ') Binc. Strophe 42. 2) 1. c. 49.?) 1. e. 44. ^) 1. e. 46 und Schudt 1. e. S. 57 und 67. y Die Darstellung bei Kriegt S. 349: „Da der Rath die Juden nicht zu schützen vermochte, so beschloß er schon am 23. August, sie sogleich fortschaffen zu lassen", ist also keine richtige. Nach dem fliegenden Blatt belies sich die Zahl der Vertriebenen aus 1300; nach Gottfried u. Lersner aus 1400.