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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1890-01-01 · Heft 2 · p. Seite 256

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1890
Issue
Heft 2
Article
Jugendarbeiten Ludwig Börne's über jüdische Dinge
Date
1890-01-01
Page
Seite 256 (sequence 56)
Language
German
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256 Schnapper-Arndt, Jugendarbeiten Ludwig Börne'« über jüd. Dinge. jubelnd hindurch, um nach vielen hundert Jahren zum erstenmal des Himmels freye Lüfte einzuathmen. Man mußte den Abgebrannten die Erlaubnis geben sich in der Christenstadt Wohnungen zu miethen; man mußte es, wie wollte man/s ändern? Oder nein, man that es gerne. Denn das Vergnügen die verhassten Juden an ihrer empfindlichsten Seite gekränkt, ihren Reichthum vermindert zu sehen, dieser Genuß war groß genug, um dem Gegenstand der ihn verschafft hat, um den Juden selbst eine Erkenntlichkeit dafür zu ziehen^). Von diesem Augenblick an lernte man deutlich einsehen, wie der Mangel an bürgerlicher Sittlichkeit, an Lebensart, an wissenschaftlichen Kenntnissen und allem dem was man von gebildeten Menschen fordert wie dieser Mangel nur durch das Zusammenwohnen der Juden verursacht worden seh. Denn kaum wohnten sie unter Christen zerstreut, als sie sogleich begannen, sich alle jene Tugenden anzueignen^). Wenn die Judenschaft ihre Gasse als einen großen Familiensaal zu betrachten Pflegte, worin sie alles das thun und unterlassen durfte, was man in seinem Hauße zu verrichten und zu unterlassen gewohnt ist: so konnte der äussere Anstand unmöglich dabei gewinnen. Am Sabbath sah man die Herrn in Schlafrock und Pantoffel die Damen in ihren Nachthauben herumspazieren. Die jungen Frauenzimmer zeigten sich in Negligees als wären sie in ihren Schlafstuben. Sie saßen auf Bänken vor ihren Häußern und deklamirten Schillers Gedichte. Sie nahmen daselbst, ganz ungenirt die Besuche ihrer Liebhaber an. Man drank auf der Straße seinen Kasse, man rauchte, man zankte man küßte sich; kurz, man that wie zu Hauße. Dieser Unfug mußte natürlich aufhören, sobald die Wohnungen der Juden zerstreut wurden. Wenn auch schon früher mancher Aufgeklärte das lästige ungereimte Ceremoniell des jüdischen Cultus hätte hinten ansetzen mögen, so mußte er doch, durch Verhältnisse gebunden, den Späherblick der Nachbarn fürchten; aber diese Fessel fiel weg, sobald er unter Christen wohnte. Wenn viele, nicht blos aus Bigotterie, sondern mehr aus Gewohnheit sich scheuten, irgend eine Ritualvorschrift des Talmuds zu übertreten; wenn sie von ihren unendlichen Morgen- Abend- und Tischgebeten kein Jota fallen ließen: so mußten sie jezt um ihre christlichen Nachbarn nicht zu stören, ihre Psalmen doch leiser singen, und darauf folgte gar bald die gänzliche Beyseitsetzung derselben. Wegen der größern Entfernung der Wohnungen wurde der Umgang der Juden unter sich selbst seltener gemacht. Man gewöhnte sich den jüdischen Dialekt ab, man ent- 1) „um den Juden selbst" und „dafür" nachträglich zugesiigt. *) Vgl. den in den Excursen eitirten Senatsbericht von 1805.

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