Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 2
- Article
- Jugendarbeiten Ludwig Börne's über jüdische Dinge
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 255 (sequence 55)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2259275-2259324-2259327-2264517--1657-2264690- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Schnapper-Arndt, Jugendarbeiten Ludwig Börne's über jüd. Dinge. 255 Endlich gelangten wir an eine Treppe. Wir stiegen unzählige Stufen hienauf, bis endlich einige Lichstrahlen uns die Hoffnung gaben, daß die Visiten - stube unsrer Cousine nicht fern seyn dürste. Wir machten wirklich ein Stübchen ausfindig, das von einer Lampe erhellt war, mit dessen Licht einige kümmerliche Sonnenstrahlen in einen lächerlichen Kampf begriffen waren'). Das Zimmer nehmlich ward vom Schornstein des gegenüber stehenden Hauses zugleich beräuchert und verfinstert. Ein altes Mütterchen belehrte uns, daß wir falsch gegangen wären, und daß unsre Cousine gar nicht hier wohnte. Wir betheurten die Mamsell hätte oben aus dem Fenster herausgesehen. Es war auch wirklich so; aber die Thüre, die unter diesem Fenster lag führte in ein ganz anderes Haus. So sehr sind die Häußer wegen Mangel an Raum in einander gefügt und geschoben, daß Fenster und Thüre die vertical über einander stehen zu zweh verschiedenen Häußern gehören, die zwanzig Schritte weit auseinander liegen -------------------2). Acht Tage darauf, und die Gasse lag zur Hälfte in Schutt und Asche. Die Vorsehung hatte sich in einem genädigen Augenblick herabgelassen den Juden in eigener Person eine handgreifliche Lection zu geben. Es war im July des Jahres 1796 wo durch ein Bombardement der Franzosen an 180 Häußer niederbrannten^). Wenn in der Geschichte der französischen Revolutionskriege die Eroberung Frankfurth's als ein unbedeutender Punkt verschwindet, so wird in der Geschichte der Frankfurter Juden jenes Bombardement doch ewig Epoche machen. Nicht das Unglück der Begebenheit ist es, die sie wird unvergesslich machen; denn ob zwar unter den Abgebrannten eine große Zahl armer Familien waren, so hatte doch die Frankfurther Judenschaft mit einer edlen Frehgebigkeit dafür gesorgt, jenen Schaden soviel als möglich unsühlbar zu machen. Aber der Vorfall hatte auf die Bildung der Juden einen so vortheilhaften Einfluß, daß diese Wirkung zu zernichten, den obscuranten Behörden mit allen ihren architectonischen Institutionen nicht gelingen möchte. Die Mauer die sie von des Lebens Freuden trennte, ward nicht ganz niedergerissen, aber doch durchlöchert, und die gefangnen Thiere schlüpften 2) Fr.: „sich einließen". — 2) Hier die durchstrichene, einen besonderen Absatz bildende Zeile „O Boßheit wie ist Dein Nähme?" *) Vgl. Note auf S. 258. Der vorstehende Abschnitt kann den Eindruck hervorrufen, als ob eine längere Abwesenheit Börne's aus Frankfurt dem geschilderten, auf den Anfang Juli 1796 verlegten Besuche der Judengasse vorangegangen wäre. Vielleicht der Aufenthalt in Mergentheim oder Furtwangen? (Vgl. Holz mann, a. a. O. S. 26.) Von seinen Cousinen (Gumpertz?) spricht Börne auch in dem Bd. II. dieser Zeitschrist mitgetheilten Jugendaussatz. Zeitschr. s. d. Gesch. d. Juden i. Deutsch!. IV. 17