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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1890-01-01 · Heft 2 · p. Seite 254

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1890
Issue
Heft 2
Article
Jugendarbeiten Ludwig Börne's über jüdische Dinge
Date
1890-01-01
Page
Seite 254 (sequence 54)
Language
German
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254 Schnapper-Arndt, Jugendarbeiten Ludwig Bö'rne's über jüd. Dinge. gepflanzt, sonst das Symbol der Freiheit und Hochherzigkeit, hier ein Zeichen der Knechtschaft und der Schwäche. Es ist ein kaiserlicher Adler den die Juden als Denkmal ^) ihrer Dankbarkeit für den deutschen Kaiser hingesetzt hatten, weil er sie so oft gegen die Wuth der Frankfurther Bürgerschaft in Schutz genommen. Vor uns eine lange unabsehbare Gasse, neben uns grade so viel Raum um den Trost zu behalten, daß wir umkehren könnten, sobald uns die Lust dazu ankäme. Ueber uns ist nicht mehr Himmel als die Sonne bedarf um ihre Scheibe daran auszubreiten; man sieht keinen Himmel, man sieht nichts als Sonne. Ein übler Geruch steigt überall herauf, und das Tuch, das uns vor Verpestung sichert, dient auch dazu eine Thräne des Mitleids aufzufangen, oder ein Lächlen der Schadenfreude zu verbergen dem Blicke der lauernden Juden. Mühsam durch den Koth watend dient der verzögerte Gang dazu, unsrer Beschauung die n'öthige Muße zu verschaffen. Scheu und behutsam wird der Fuß aufgesetzt, damit er keine Kinder zertrete. Diese schwimmen in der Gosse herum, sie kreuchen^) im Kothe umher, unzählig wie ein Gewürm von der Sonne Kraft dem Miste ausgebrütet. Wer gönnte nicht den armen Knaben ihre kleine Lust? Haben sie doch keinen Hofraum kein (Kärtchen im Innern des Hauses, wo sie ihre kindlichen Spiele ausüben könnten. Wohl, wenn der Kindheit Spiel das Borbild ist von des Lebens Ernst, dann muß die Wiege dieser Kinder das Grab sehn alles Muthes, aller Hochherzigkeit, aller Freundschaft und jeder Lebensfreude. Fürchtet Ihr die thurmhohen Häußer möchten einstürzen über uns? O fürchtet nichts. Sie sind wohl befestigt die Käfige der beschnittenen Vögel, gestützt auf dem Grundstein der ewigen Bosheit, gut gemauert von den ämsigen^) Händen der Habsucht, geleimt mit dem Schweiße der gefolterten Sklaven. Zaget nicht, sie stehen fest und fallen nimmer. — Von eben unweit den Sternen, schaute ein schönes Mädchen herab: unsre Cousine ist's, kommt wir wollen ihr eilt Sträuschen bringen. Aber, lieben Leute, unser Onkel liebt die strengste Etiquette, Ihr müßt Euch bücken, noch ehe Ihr ins Hauß tretet. Wir bückten uns und traten Hienein. Kaum waren wir einige Schritte fortgegangen, so erlosch das Tageslicht hinter uns; grause Finsternis breitete sich aus: wir bebten. O Pharao, Pharao, wie konntest Du 10 Tage lang solche Plage ertragen, und doch die Juden nicht ziehen lassen! Wir wollten umkehren, aber zu spät. Der Weltgegend unkundig, kamen wir statt zurück immer weiter vor. Der Gang war eng, und der Kopf wurde derb gezeichnet, wenn er seiner Phantasie folgend nach rechts oder links ausweichen wollte. Fr.: „als ein Denkmal". — Fr.: „wälzen sich". — 2) „ämsigen" nachträglich zugefügt.

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