Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Juden Frankfurts im Fettmilch'schen Aufstand 1612 - 1618
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 141 (sequence 15)
- Language
- German
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Kracauer: Die Inden Frankfurts im Fettmilch'scheu Aufstand 1612—1618. 141 Juden und ihre Neigung zu betrügerischen Handlungen jeder Art. Wie wir sehen werden, legte Ende 1612 der Ausschuß den Kommissarien ein stattliches Material („361 Artikel") vor, um damit den Lug und Trug der Juden im geschäftlichen Verkehr darzuthun. Hält man aber den angeführten Fällen die Entgegnungen derselben gegenüber so gewinnt man ein durchaus anderes Urtheil über den Werth der Anklagen. Uebrigens räumen die Juden selbst ein, daß in vereinzelten Fällen die Klagen begründet sein mögen, protestiren aber lebhaft dagegen, daß man deswegen über eine ganze Gemeinde den Stab breche. Ein weiterer Factor, welcher nicht unwesentlich zu der über die Juden hereingebrochenen Katastrophe beigetragen hat, ist der religiöse Fanatismus. Leider hielt es die protestantische Geistlichkeit der Stadt für ein gottgefälliges Werk, denselben noch zu schüren-). Hat sie doch noch später in einer gegen die Zulassung jüdischer Aerzte gerichteten Schrift dem Rath erklärt: „Leibeskur geht nicht ohne Seelenkur, lieber mit Gottes Willen krank, als durch des Teufels und durch verbotene Mittel gesund. Judenärzte gebrauchen heiße nichts anderes, als Schlangen im Busen wärmen und Wölfe im Hause aufziehen". Aber auch den regierenden Kreisen war religiöse Duldsamkeit völlig fremd. Noch im Jahre 1618 ward ein Bürger der Stadt gefoltert und ausgewiesen, weil er unter anderem bestritt, daß die Juden verdammt seien 2). Und wenn die höheren Stände von so intoleranten Gesinnungen erfüllt waren, so läßt sich leicht denken, mit welchen Augen das Volk die Juden, ihre Religion und ihre Gebräuche betrachtete. Zahlreiche Belege hierfür finden wir in den Petitionen an den Rath und den Kaiser um „Abschaffung" der Juden, in denen diese als Kinder des Satans, Feinde Gottes, Verräther u. s. w., u. s. w. hingestellt werden. Der Haß gegen die Juden erhielt in Frankfurt fortwährend neue Nahrung durch das abscheuliche obscöne Bild aus der Sachsenhäuser Brücke, auf welchem man das angeblich von ihnen zum Tode gemarterte Kind Simon von Trient, aus vielen Wunden blutend, erblickte. Unter diesem Bilde befand sich ein zweites, welches sie mit einem Schweine in höchst anstößige Verbindung brachte. Vergebens petitionirten die Juden um Be- ') S. Anhang Nr. I und S. 59. 2) So predigte im September 1612 der Pfarrer Eberhard eifrig gegen die Juden (Brgm.). 3) S. Beiträge zur Gesch. der Frankfurter Juden n. s. w. in dieser Zeitschrift Bd. III, S. 26, Aumerk. 4. ^) Näheres hierüber und das Bild selbst s. bei Schudt Bd. I, S. 256-259.